(29) In dem großen Saal konnte Mark die angespannte Erwartung der vielen Menschen spüren.

von Alain Fux

In dem großen Saal konnte Mark die angespannte Erwartung der vielen Menschen spüren. Um sechs Uhr hatte er bereits den dritten Nachschlag vom Büffet aufgegessen und beobachtete die Menschen, die ihren Blick auf die große Leinwand richteten. Mark war ungeladen in die Parteizentrale gekommen, weil er vage hoffte, andere Dumme zu finden, die den Rest seines Weines kaufen wollten. In seinen Gedanken bezeichnete er den Wein als ‚Grand Cru du Garage‘. Zumindest konnte er gratis essen und trinken.

Als die Ergebnisse aus der ersten Hochrechnung der Parlamentswahlen verkündet wurden, ging ein kollektiver Ausruf der Enttäuschung durch den Raum. Mark beobachtete die enttäuschten Gesichter, die weiter am Fernsehbild hingen, als ob sie eine unverzügliche Korrektur erwarteten. Am Nebentisch stand ein jüngerer Mann, bei dem Mark einen flüchtigen Anschein von Zufriedenheit bemerkte. Er nahm sein Glas Bier und ging hinüber, stellte sich dem Mann vor. „Ralph Niehaus“, antwortete der Mann. Mark tastete sich mit ein paar Fragen vor und Niehaus bekannte sein großes Bedauern über den Ausgang der Wahl. Mark musste subtiler vorgehen. Er deutete in kleinen Erzählbröckchen an, dass er ein ungeladener Gast sei und nur zur Wahlparty gekommen sei, um die Niederlage zu erleben. Langsam öffnete sich Niehaus und ließ sich sogar zu einem offenen Lächeln hinreißen. Er erzählte Mark, dass er Firmenkundenbetreuer bei einer Bank am Platz sei. Mehrmals wurden sie von anderen Parteigängern unterbrochen und mussten Mitgefühl über den ungerechten Wahlausgang heucheln. Dadurch fühlten sie sich verbunden. Mark schlug schließlich vor, das Gespräch in einer Kneipe fortzusetzen.

Dort redete Niehaus sehr offen. Er erzählte Mark, dass er vor einem Jahr den Glauben an die Partei verloren habe, als er bei der Aufstellung der Wahllisten übergangen worden war. Seitdem habe er sich im Verborgenen zu einer Art passivem Widerstandskämpfer entwickelt und freute sich nun darüber, dass die Partei einen Misserfolg erlitten hatte. Mark fragte nach dem Job und hörte, dass Niehaus auch in der Bank bei einer Beförderung übergangen worden war. Nach einigen weiteren Bemerkungen von Mark, stellte Niehaus sich von alleine die Frage, warum er eigentlich nicht auch in seinem Job den Weg des passiven Widerstands ging. Auch hier war er enttäuscht worden und glaubte nicht mehr an gemeinsame Ziele. Wenn seine eigenen Ziele schon in unerreichbare Ferne gerückt waren, warum sollte er dann nicht etwas Freude an seinem Job haben? Als sie am Ende des Abends auseinander gingen, war Mark zufrieden. Er war immer noch in der Lage, Menschen für sich und seine Ideen einzunehmen. Es war an der Zeit, ein neues Projekt zu beginnen. Er wünschte Niehaus Glück bei seinem Vorhaben.

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