(26) Annie Reeves setzte sich in den Wagen.

von Alain Fux

Annie Reeves setzte sich in den Wagen. Aber sie war nicht gleich in der Lage, den Motor anzulassen. Jedes Mal, wenn sie ihren Vater im Pflegeheim besuchte, war es das Gleiche. Als Zwölfjährige hatte sie ihn einmal gefragt, was er in seinem Leben anders gemacht hätte, wenn er die Gelegenheit dazu gehabt hätte. Er hatte kurz überlegt und sie dann angelächelt. „Ich hätte deinen Namen nicht für den ersten Test verwenden sollen, sondern für den wichtigsten. Dann wäre dein Name jetzt unsterblich.“

Die Atomtestreihe war das Lebenswerk ihres Vaters, von dem er bis zu seinem Tod zehrte. George Reeves war in Santa Fe Regionalleiter bei der Atomenergiekommission gewesen. Man hatte ihn ausgewählt, um Operation Upshot-Knothole zu organisieren. Das war eine Reihe von elf atmosphärischen Nukleartests. Den ersten Test hatte er nach seiner geliebten Tochter, Annie, benannt. Ein weiterer Test, genannt Grable, war der erste Versuch mit einer atomaren Artilleriegranate und auf diesen war Reeves besonders stolz. Allerdings war er traurig darüber, dass sein ganzer Stolz einem Test galt, der nicht den Namen seiner Tochter trug.

George hatte seine Antwort bald wieder vergessen, aber Annie musste immer wieder daran denken. Zuerst hatte es sie gefreut, dass ihr Vater etwas ändern wollte, um ihren Namen in besserem Licht erscheinen zu lassen. Später ging ihr auf, dass es ihm gar nicht um seine Tochter gegangen war, sondern um die Testreihe. Wäre sie nach 1953 geboren worden, hieße sie jetzt wahrscheinlich Grable Reeves. Ihr Vater wollte seinem größten Erfolg auch in seinem Privatleben ein Denkmal errichten.

Annies Mutter war vor zehn Jahren gestorben und erst danach fiel ihr auf, wie leer das Leben ihres Vaters eigentlich war. Er schien keine Interessen zu haben und keine Kontakte von früher zu pflegen. Auch mit ihr redete er kaum, was Annies monatlichen Besuche zu einer Qual für sie, vielleicht auch für ihn machten. Aber, wenn sie ihre Besuche einstellen würde, würde sie sich noch schlechter fühlen.

Hätte man sie gebeten, ihren Vater zu beschreiben, hätte sie wahrscheinlich auf seine große Zuverlässigkeit hingewiesen. Seine Hilfsbereitschaft, wenn man ihn um einen Gefallen bat. Ansonsten wäre ihr nicht viel eingefallen. Ihr Vater George Reeves war ein leeres Blatt Papier für sie.

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