(23) Letzte Woche waren Triss und ich in der alten 3c-Linie unterwegs.

von Alain Fux

„Letzte Woche waren Triss und ich in der alten 3c-Linie unterwegs. Wir kamen gerade aus der Kurve in den alten Jakobsbahnhof, als wir helles Licht sahen. Langsam pirschten wir uns heran und sahen wie zwei Männer mit Äxten aufeinander eindroschen. Beide hatten bereits übelste Wunden und bluteten heftig.“

Roy nahm einen Schluck aus der Trinkflasche und reichte sie an Leon weiter. Triss hielt Wache am Eingang der Wabe, wie sie die kurzen Stollen nannten, die als Schutzräume für die Arbeiter gedacht waren. „Wir hatten aber schnell gepeilt, dass da ein Film gedreht wurde. Wegen der Scheinwerfer, der Kamera und so weiter. War aber sehr beeindruckend. Da wir nicht wussten, ob die Filmleute von Wachen begleitet wurden, haben wir uns nicht allzu lange aufgehalten.“

Leon nickte. „Die waren bestimmt nicht alleine da. Es kennt sich ja nicht jeder hier unten so gut aus wie wir. Und neben den Graffitileuten und uns gibt es auch noch andere, die sich hier herumtreiben. Mit einem Kumpel haben wir auf einer anderen ungenutzten Strecke zwei Leichen in einer Wabe gefunden. Waren in Plastiksäcke eingeschnürt. Wir wussten zuerst nicht, was es war. Hat unglaublich gestunken, als wir das Paket geöffnet hatten.“ – „Scheiße, ja. Ich hatte davon in deinem Blog gelesen.“

Sie packten ihr Zeug ein und gingen zum Eingang der Wabe. Triss war kaum zu erkennen, so dicht hatte sie sich an die Wand geschmiegt, registrierte Roy zufrieden. Er war stolz auf sie. Keiner der anderen Urban Explorer der Gruppe hatte eine Freundin, die als echtes Vollmitglied bei allen Unternehmungen dabei war.

Roy hatte Triss in der Stadtbibliothek getroffen. Beide wollten das gleiche Buch ausleihen, das sich mit der Geologie beschäftigte, auf der die Stadt gebaut war. Zuerst hatten sie sich nur misstrauisch beäugt. Dann hatten sie sich vorsichtig genähert, denn sympathisch fanden sie sich schon. Triss war unabhängig unterwegs. Roy hatte sie dann seinen lose vernetzten Kontakten vorgestellt und sie hatten einige Expeditionen in der Gruppe unternommen.

Das große gemeinsame und exklusive Projekt von Triss und Roy war es, die geheime Verbindung zu finden, mit der Post zwischen den wichtigsten Sortierstellen und der Regierung hin- und hergeschoben wurde. Neben den 197 km des offiziellen U-Bahn-Streckennetzes, gab es parallel ein weiteres Schienennetz, das bisher noch kein Illegaler betreten hatte und von dem alle nur gerüchteweise gehört hatten.

Roy vertraute Triss sogar so weit, dass er sie mit zu seinen Eltern nach Hause genommen hatte. Anfangs wollte sie nicht, schließlich gab sie nach, bedauerte es aber gleich wieder. Natürlich war der Besuch ein Reinfall gewesen. Kurz darauf trennten sie sich. Die Postbahn wurde später von einer anderen Gruppe, darunter Leon gefunden.

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