(22) Edith verfluchte die Lichtverhältnisse in dem stollenartigen Gang…

von Alain Fux

Edith verfluchte die Lichtverhältnisse in dem stollenartigen Gang, in dem sie ihren, wie sie sagte, ‚mobilen Schönheitssalon‘ aufgebaut hatte. Sie verschob den Lichtkegel der Lampe und verglich ihr Werk mit der Polaroid-Aufnahme, die sie als Referenz am Ende des vorherigen Drehtags geschossen hatte. Die frischen klaffenden Wunden quer übers Gesicht und am Hals sahen richtig aus. Sie bat Jonas Bader, den Schauspieler, der Tarus spielte, den Kopf in den Nacken zu legen. Mit etwas Kleber korrigierte sie den Sitz der aus der Wunde herausragenden Luftröhre. Götz Spendel, der Regisseur, Autor und Produzent kam dazu. „Sieht lecker aus. Seid Ihr bereit? Dann kann es loslegen. Edith, bring Blut und Hirn mit, damit wir den Verlauf des Kampfes entsprechend dokumentieren können.“ Götz war Ende Vierzig und machte mit gleicher Begeisterung stets die gleiche Art von billigen Horrorfilmen, die im Schnitt ein wenig mehr Geld einbrachten, als sie kosteten. Die Filme waren sehr günstig gedreht, weil Götz immer neue Kontingente an jungen Schauspielern und Crewmitgliedern für seine Projekte gewinnen konnte.

Jonas und Edith folgten ihm durch den Gang, der direkt auf den unterirdischen Bahnsteig führte, wo die Kampfszenen gedreht wurden. Gunnar Bertelsen, der zweite Kämpfer, gesellte sich zu ihnen. Ihn für die Rolle des Akor herzurichten war eine Herausforderung für Edith gewesen. Dennis, der Schauspieler, der die Rolle bisher gespielt hatte, war zwischenzeitlich nach Indien gereist und stand nicht mehr zur Verfügung. Götz hatte Gunnar, einen norwegischen Austauschstudenten, in einem Fitnessstudio getroffen und ihn gleich vom Crosstrainer weg engagiert. In der dunklen Umgebung des Tunnels würde es nur akribischen Zuschauern auffallen, dass Dennis durch Gunnar ausgewechselt worden war.

Götz drückte den Schauspielern die Äxte in die Hand und ließ sie auf den Gleisen in Position gehen. Die Handlung des Films mit dem Arbeitstitel „Axtzombies im Tunnel“ war, wie alle Werke von Götz Spendel, sehr übersichtlich und unmittelbar einleuchtend. Es ging dabei um zwei Zombies, die sich in einer (künftigen?) postapokalyptischen Weltvision in einem Tunnelsystem verschanzt hatten und sich mit den letzten ihnen zur Verfügung stehenden Waffen, nämlich Äxten, bekämpften. Da es Spendel auch noch gelungen war, eine Schauspielstudentin zu gewinnen, hatte er vor, das Skript noch zu verändern, um eine Liebesgeschichte mit einzubauen. Auf jeden Fall musste Tarus siegen und das Mädchen gewinnen, denn Gunnar war schon auf einem Rückflug nach Norwegen gebucht und stand nur noch an diesem Drehtag zur Verfügung. Spendel hoffte wie immer auf eine erfolgreiche Serienproduktion und deshalb war es für ihn wichtig, seine Helden, sprich Jonas, im direkten Zugriff zu haben. Nach einem spannenden und blutigen Axtduell würde deshalb Tarus die Oberhand gewinnen und Akor den Schädel spalten. An dieser letzten Einstellung arbeitete Sim Balkhausen, der Mann für die Special Effects, gerade in einem Nebengang. Er füllte die von Edith vorbereitete Hirnmasse in einen Kunstkopf, der vage an Gunnar erinnerte.

Advertisements