(21) Als er vor mir stand, wusste ich nicht, was er vorhatte.

von Alain Fux

„Als er vor mir stand, wusste ich nicht, was er vorhatte. Und ich glaube, er hatte selbst keine Ahnung. Alles war möglich. Die ganze Zeit über sah ich nur den langsam trocknenden Blutspritzer auf der Yogamatte. Er redete auf mich ein, aber ich konnte nicht zuhören. Die Worte erreichten zwar meine Ohren, aber nichts davon drang nach innen.“ Laura saß auf dem Sofa und umklammerte ihre Knie. Edith lehnte am Türrahmen. „Ich wiederhole nicht, was ich Dir schon vor Monaten sagte. Diese Affäre war eine bescheuerte Idee.“ – „Aber ich habe damit das Stipendium sicher“, antwortete Laura trotzig. „Du arbeitest auch nicht immer mit fairen Mitteln, um Deine Engagements zu bekommen.“ – „Hey, ich arbeite beim Film“, verteidigte sich Edith, „das ist etwas anderes. Wenn du da nichts Verrücktes machst, kannst du hungern.“ Laura schmiegte ihre linke Wange an ihr Knie und schaute Edith an. „Ich hatte ihm nie etwas versprochen. Ich fand ihn am Anfang sogar witzig. Ein wenig. Damals kannte ich nur ihn und dich hier.“ – „Bin ich auch nur so ein Notnagel für dich? Mädchen vom Land kommt in die Stadt und findet Mitwohngelegenheit. Worauf muss ich mich vorbereiten?“ – „Nein, das ist doch ganz was anderes…“

Das Wasser kochte. Edith stieß sich vom Türrahmen ab und ging in die Küche, um ihren Tee aufzugießen. „Ich vermerke das alles unter Schock.“ Dunkle Schwaden entwichen den welken Blättern im Teebeutel und färbten das kochende Wasser dunkel. „Apropos Schock. Heute Nacht geht es weiter mit dem Zombiedreh von Götz Spendel. Er scheint wieder Geld gefunden zu haben. In einem verlassenen U-Bahn-Tunnel. Es werden Köpfe rollen, sage ich Dir. Ich musste mir heute noch extra einen Eimer Kunstblut kaufen und Hirnstückchen präparieren. Das wird ein Spaß.“ – „Warum muss das immer Nachts sein? In einem Tunnel ist es doch immer dunkel, oder?“ – „Falsch, meine Liebe“, belehrte sie Edith, „zu wissen, dass es wirklich Nacht ist, gibt den Dreharbeiten einen viel authentischeren Anstrich. Es ist nicht alles Fake, was wir tun.“ Sie kam zurück ins Wohnzimmer. „Wobei… Ich frage mich schon länger, wie es wäre, mit richtigem Blut zu arbeiten. Leider kommt man nicht so leicht an Blutkonserven.“ – „Warum datest du nicht mal einen Arzt oder jemand vom Blutspendeverein“, fragte Laura. „Männer tun alles für Sex. Ein paar Beutelchen Fremdblut fallen doch überhaupt nicht ins Gewicht.“

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