(20) Laura hatte ihn kurz nach der Bekanntgabe der Examensergebnisse abserviert.

von Alain Fux

Laura hatte ihn kurz nach der Bekanntgabe der Examensergebnisse abserviert. Natürlich, wann auch sonst. Sie hatte ja die Note bekommen, die sie für das Stipendium benötigte. Sie brauchte sich nicht mehr zu verstellen. Warum war Hepner darauf hereingefallen? Hätte man ihm die Geschichte als unparteiischem Dritten erzählt, hätte er sofort erkannt, dass es völlig unwahrscheinlich war, dass eine junge, hübsche, nein bildschöne, Studentin sich für einen vertrockneten Dozenten wie ihn interessieren würde. Wie ein Trottel hatte er sich an der Nase herumführen lassen von Frau Laura Barke.

Zuerst hatte sie sich schüchtern gegeben. Mädchen aus der Provinz, zum ersten Mal fern von der Familie in der großen Stadt. Sie hatte seine Beschützerinstinkte geweckt. Zielsicher. Hepner las noch einmal die SMS, die er vor zwei Stunden erhalten hatte. „Danke für alles, aber Du bist nicht mein Typ.“ Er warf das Handy auf die Schreibtischplatte und haute mit der Faust so fest auf das Möbelstück, dass das Handy hochsprang. Er hatte gleich versucht, sie anzurufen, aber sie hatte ihn weggedrückt. Noch einmal schlug er mit der Faust auf den Schreibtisch. Und wieder und wieder. Aber es gab ihm keine Genugtuung. Er musste sie sprechen. Er schaute auf die Uhr. Sie müsste jetzt in ihrer Yogastunde sein. Seit er sie kannte, hatte sie diesen Termin nie versäumt. Er stand auf, griff seine Jacke und machte sich auf den Weg.

Der Empfang des Yogastudios war verwaist, aber er hörte Anweisungen aus dem Übungsraum. Durch ein Bullauge in der Tür sah er den Lehrer und wenn er sich ganz eng an den Türrahmen schmiegte, konnte er auch die meisten der Teilnehmer erkennen. Da war sie. Sein Herz machte einen Freudensprung. Dieser war gefolgt von einem Gefühl der Verletztheit und tiefer Bitterkeit. Sein Blick war nur auf sie gerichtet. Was danach folgte, kannte Hepner nur aus dem, was ihm die Polizei und der Rektor erzählten. Er war in den Übungsraum gestürmt und hatte laut „Laura, ich liebe Dich“ geschrien. Als der Yogalehrer ihn bat, den Raum zu verlassen, hatte Hepner ihn weggeschubst. Der Lehrer versuchte dann, ihn aus dem Raum zu drängen. Hepner wehrte sich und traf den Lehrer mit der Faust auf die Nase. Die Brille flog durch den Raum, das Nasenbein brach. Blut spritzte auf eine Yogamatte. Alle Teilnehmer und auch der Lehrer schlichen an Hepner vorbei aus dem Raum, nur Laura ließ er nicht gehen. Er redete auf sie ein, aber sie antwortete nicht und konnte ihn auch nicht ansehen.

Dann kam die Polizei und überwältigte ihn. Bei der Aktion wurde ihm das Schultergelenk ausgekugelt. Durch den Schmerz wurde ihm schwarz vor Augen.

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