(19) Gernold Hepner schaute in die Runde der 13 Studenten.

von Alain Fux

Gernold Hepner schaute in die Runde der 13 Studenten. „Die Expedition aus dem Jahr 1931 ist ein Musterbeispiel dafür, was Ihnen als angehende Feldforscher passieren kann. Gerade bei Expeditionen fernab der Zivilisation sind die Umstände oft sehr ungünstig. Man arbeitet unter Zeit- und Erfolgsdruck. Das ist fast wie im Krieg. Räumliche Enge, Hitze, mangelnde Hygiene. Eifersucht und Neid kochen hoch. Wenn wir Wissenschaftler es nicht schaffen, auch unter diesen widrigen Umständen unsere Aggressionen unter Kontrolle zu halten, werden wir keine großen Entdeckungen vollbringen. Oder wir werden nicht in der Lage sein, darüber zu berichten. Um Sie darauf vorzubereiten, gibt es dieses Seminar in Ihrem letzten Studienjahr.“

Eine Hand fuhr hoch. „Wie ging es bei der Expedition von Halling und Cadet-Bréaud weiter?“ Hepner setzte sich auf eines der Pulte in der ersten Reihe. „Halling stieß am nächsten Tag Cadet-Bréaud in den Iguazu-Fluss. Einer der Träger konnte dem Franzosen gerade noch ein Seil zuwerfen, bevor dieser von der Strömung weggetrieben wurde. Halling schlug sein Zelt abseits von den anderen auf und es war zuerst unklar, wie es mit der Expedition weitergehen würde. Zwei Träger kehrten um, um die Verwaltung zu informieren. Daraufhin machte sich eine zweite Expedition auf den Weg zum Lagerplatz der ersten Expedition. In der Zwischenzeit hatte Cadet-Bréaud das von Halling entdeckte Huhn gefunden, geköpft, gebraten und verspeist. Den Kopf nagelte er an einen Baum. Nachher stellte sich heraus, dass es sich wohl um eine Variation des Schwarzstirn-Schakutinga gehandelt hatte, die weder vorher noch nachher je wieder gesichtet wurde. Allerdings beruhten diese Einschätzungen nur auf Zeichnungen und Beschreibungen, denn der Kopf des Huhns ging verloren. Es gab auch ein Foto, aber darauf ist der größte Teil des Kopfes von Fliegen bedeckt. Wahrscheinlich wurde der Kopf später von einem der Suchhunde gefressen. Es wurde rekonstruiert, dass Halling Cadet-Bréaud überwältigte und an einen Baum fesselte. Mit dem Gewehr der Expedition erschoss er ihn. Es war eine regelrechte Exekution. Kurz darauf erreichte der zweite Trupp das Lager und nahm Halling fest. Damit war die Expedition zu Ende. Halling kam in ein argentinisches Gefängnis und starb dort in geistiger Umnachtung. Kurz: es war ein schwarzer Tag für die Wissenschaft.“

Während sein Blick über die Gesichter der Studenten streifte, fragte sich Hepner, ob einer der Seminarteilnehmer wusste, warum man ihn gezwungen hatte, diesen Kurs zu geben.

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