(14) Kurz bevor der 17jährige Aristoteles Onassis das kleine Café an der Avenida de Mayo in Buenos Aires erreichte…

von Alain Fux

Kurz bevor der 17jährige Aristoteles das kleine Café an der Avenida de Mayo in Buenos Aires erreichte, verlangsamte er seine Schritte. Anna saß auf der Terrasse und wartete auf ihn. Bevor er zu ihr ging, betrachtete er sie einige Momente. Als sie ihn sah, stand sie auf. Er küsste sie auf dem Mund. Onassis hatte Anna in der Telefonvermittlung kennen gelernt, bei der sie beide arbeiteten. Er war Elektriker und sie war Telefonistin. Zuerst hatte er von ihr nur die Beine gesehen, als er unter den Vermittlungspulten ein Kabel verlegte. Verglichen mit allen anderen Beinen, die er in einer Reihe sah, waren ihre die schönsten. Von einem Telefon in einer Ecke des großen Vermittlungssaals hatte er ihren Arbeitsplatz, die Nummer 193, angerufen. Er hatte ihr gesagt, wie schön sie sei und dass er sie zu einem Kaffee einlade. Zuerst war sie verblüfft gewesen, hatte sich dann geschmeichelt gefühlt und am Ende zugesagt. Die ganze Zeit hatte sie versucht, herauszufinden, wer sie anrief, aber Onassis hielt sich verdeckt. Als sie ihn zum ersten Mal im Café traf, dauerte es nicht lange, bis er sie vollständig umgarnt hatte. Anna war beeindruckt von der Energie, mit der er im Leben weiterkommen wollte. Als er von ihr erfuhr, dass nachts nur Männer in der Vermittlung arbeiteten und diese viel mehr verdienten als er als Elektriker, ließ er sich zum Telefonisten umschulen und arbeitete nun Nachts. Anna und Aristoteles sahen sich ab dann nur noch am Abend: nachdem sie mit Ihrer Arbeit fertig war und bevor er seine begann. Aber auch das gelang nicht immer, weil er in seiner freien Zeit ständig unterwegs war und wichtige Leute traf.

An seinem Geburtstag schenkte sie ihm als Glücksbringer eine in Silber eingefasste Hasenpfote. Sie sollte auch böse Geister vertreiben.

Kurz darauf entdeckte Aristoteles die Möglichkeiten des argentinischen Zigarettengeschäfts. Er importierte türkischen Tabak, den er von seinem Vater kaufte und produzierte damit zwei Marken, Primeros und Osman. Er schenkte Anna eine große Dose mit Zigaretten, die sie aus Pflichtbewusstsein rauchte. Es waren ihre ersten Zigaretten und sie wurde davon abhängig. Danach ließ er sich nicht mehr bei ihr blicken. Wenn sie an ihn dachte, dann daran, als er ihr sagte, dass sie die schönste aller Telefonistinnen war.

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