Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: März, 2016

(42) „Mama?“ Roddy spähte den Gang zwischen den Koben hinunter.

„Mama?“ Roddy spähte den Gang zwischen den Koben hinunter. Die Kühe wandten ihm in einer gemeinsamen Bewegung die Köpfe zu und starrten ihn mit ihren großen Augen an. Kühe machten Roddy Angst. „Wir sind Bauern und produzieren aus Kuhmilch Käse“, hatte sein Vater gesagt, „wir haben keine Angst vor Kühen.“ Für Roddy war das nur ein weiterer Beweis, dass er kein Bauer war.

„Mama?“ Er versuchte es noch einmal. Sie musste hier sein. Aber der Stall war groß und die Ketten, mit denen die Kühe angebunden waren, klirrten laut. Roddys Stimme war zu leise. Er wagte sich einen Schritt nach vorne und versuchte seine Mutter zu erspähen. Er glaubte hinten rechts durch das Geklirre hindurch das Geräusch eines Besens zu hören. Oder war es nur ein Kuhschwanz. Er ging noch weiter vor und stellte sich auf die Zehenspitzen, dann ging er in die Knie, um unter den Kühen durch zu spähen.

Während er krampfhaft nach seiner Mutter suchte, hatte er sich weiter in den Stallgang gewagt und war einer Kuh sehr nahe gekommen. Plötzlich spürte er ihre raue Zunge in seinem Gesicht. Er schrie auf, war aber wie gelähmt. Wieder leckte die Kuh sein Gesicht ab. An der Oberfläche war die Zunge schleimig, darunter muskulös und rau. Roddy sprang hoch. Die Kühe wurden dadurch unruhig und zerrten an ihren Ketten. Er wollte weglaufen, aber in beiden Richtungen reckten sich ihm riesige Kuhköpfe entgegen. Er wandte sich um, hinter ihm ging eine Leiter hoch auf den Heuboden über dem Kuhstall. Schnell kletterte er hoch. Henrietta McKay, die ihn jetzt gehört und gesehen hatte, musste lachen, eilte aber selbst zur Leiter und stieg ihm nach. Roddy sollte später den Hof übernehmen und er durfte einfach keine Angst vor Kühen haben.

Als sie gerade ihre Schultern durch die enge Öffnung im Heuboden zwängte, schrie Roddy wieder, diesmal noch panischer. Als sie endlich auf dem Heuboden stand, sah sie zuerst ihren Sohn, der, immer noch schreiend, nach oben schaute. Sie folgte seinem Blick und sah Rupert über sich baumeln. Er hatte sich mit einem Kuhseil an einem Dachbalken aufgehängt. Henrietta wusste nicht, wie lange sie mit Roddy dastand und zu Rupert empor starrte, als sei er Christus am Kreuz. Irgendwann ergriff sie Roddy und lotste ihn nach unten. An den Kühen vorbei nahm sie ihn an der Hand. ‚Das war’s‘, dachte sie und sah in einem Augenblick die Zukunft vor sich. Roddy war nicht für den Hof gemacht. Er würde studieren und danach nicht wieder zurückkehren. Sie würde bis zu ihrem Lebensende alleine den Hof bewirtschaften. Und hätte Rod sich irgendwann in seinem Leben einer Psychotherapie unterzogen, wäre ihm aufgegangen, dass dies der Grund war, warum er keine engen Gänge und Treppen mochte. Oder Tiere, vor allem nicht, wenn sie ihm bis über das Knie gingen.

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(41) Als Rod unter allen Besitztümern auch seine Sammlung von Nazi-Artefakten erwähnte…

Als Rod unter allen Besitztümern auch seine Sammlung von Nazi-Artefakten erwähnte, war Cullen zuerst genauso wenig interessiert, wie an den Oldtimern. Als Rod aber hinzufügte, dass auch Original-Fotos dabei waren, hatte er Cullen am Haken.

Rod führte ihn in sein Arbeitszimmer und zog zuerst weiße Baumwollhandschuhe an. Dann legte er dem Fotografen nacheinander Abzüge vor, die er zuerst sorgfältig aus Umschlägen herauszog. Von einer Aufnahme war Cullen besonders fasziniert.

Sie zeigte Vater, Mutter und eine erwachsene Tochter in einem holzgetäfelten Büro. Alle drei Personen sahen schlafend aus, waren aber tot. Der Vater lag halb über dem Schreibtisch, die Mutter ihm gegenüber in einem Ledersessel und die Tochter an der gegenüberliegenden Wand halb dahingesunken auf einem großen Ledersofa. Eines der Fenster stand offen – es war nicht klar, ob wegen der Temperatur, des Gestanks oder vielleicht wegen anderer Gründe.

„Das ist Dr. Kurt Lisso, der Finanzchef von Leipzig“, erläuterte Rod.

Die Szene spielte in Lissos Arbeitszimmer im Rathaus. Der Stadtkämmerer war ein glühender Nazi gewesen. Als Leipzig den Alliierten in die Hände fiel, brachte er sich und seine Familie mit Zyankalikapseln um.

„Margaret Bourke-White war die Fotografin“, erklärte Rod weiter, „eine Fotoreporterin der US Army. Das Foto wurde wahrscheinlich am 19. April 1945 geschossen, am Tag nachdem Leipzig von der amerikanischen Armee erobert worden war. Die Tochter, Regina, war zwanzig Jahre alt und arbeitete als Krankenschwester beim Roten Kreuz. Sehen Sie, sie trägt noch die Haube und die Armbinde. Auf dem Schreibtisch, hier, sieht man ein Kästchen. Vermutlich waren darin die Zyankalikapseln enthalten. Auf dem Schreibtisch sind die Papiere der Familie säuberlich ausgelegt. Darunter auch Lissos Parteibuch. Sehr ordentliche Leute.“

„Es ist ein sehr verstörendes Foto“, sagte Cullen und konnte die Augen nicht davon abwenden. „Warum wissen Sie so viel darüber?“

Rod war zufrieden, dass er den Punkt getroffen hatte, an dem Cullen aufhörte, hochnäsig zu sein. „Ich komme von einem Bauernhof, aus einem kleinen Scheißkaff. Ich habe mein Geld hart verdient mit Software. Aber ich interessiere mich für viele andere Dinge. Besonders, wenn sie mir gehören“, antwortete Rod. „Ich habe das Foto vor einem Jahr als Los Nr. 89 für 9.949 Dollar ersteigert. Es ist heute mindestens das Doppelte wert. Und ich will das Foto auch in dem Buch drin haben, OK?“

(40) Liv ging Cullen voran ins Schlafzimmer.

Liv ging Cullen voran ins Schlafzimmer. Der Fotograf registrierte den goldumrandeten Spiegel an der Decke über dem unglaublich großen Bett. Vor dem Fenster ein Balkon zum Pool hin. „Wir haben noch ein Haus auf den Keys, Wohnungen in New York, London und Tokio. Aber hier in L.A. verbringen wir die meiste Zeit.“ Sie war jetzt in einem begehbaren Kleiderschrank verschwunden. Cullen folgte ihr weiter. „Rod hat eine kleinere Garderobe auf der anderen Seite. Hier ist ein Teil meiner Kleidung. Natürlich ist in den anderen Wohnungen mehr und vieles ist auch verstaut.“ – „Ich glaube, wir haben hier auf jeden Fall genug Material. Ich habe jetzt auch einen Eindruck, was ich für Hardware brauche, um das Shooting durchzuführen. Wie haben Sie sich den Aufbau des Buchs vorgestellt?“

Vor Jahren hatte Cullen eine Marktlücke entdeckt: er fotografierte den Privatbesitz von Ultrareichen und verkaufte ihnen das Ergebnis in Buchform. Quasi als visuelle Bilanz. Den ersten Job hatte er für einen extrem zeigefreudigen Milliardär gemacht. Sein Kunde war so zufrieden mit der Arbeit, dass er das Buch in Kleinauflage drucken ließ und an andere Milliardäre verteilte. Das war die Quelle von Folgeaufträgen für Cullen.

Liv McKay erklärte Cullen, dass das Buch wie eine Reise durch einen Tag in ihrem Leben aufgebaut sein sollte. Vom Aufwachen zum Frühstück, zur Unterredung mit den Bediensteten, Lounging am Pool, bis zum Abendessen mit Freunden und einem letzten Drink mit Rod auf dem Balkon. „Das klingt gut“, sagte Cullen anerkennend. „Damit kann ich etwas anfangen.“

Später kam Rod McKay dazu. Er hatte sein Geld damit verdient, Softwarefirmen zu gründen und für viel Geld zu verkaufen. Er hatte gerade ein neues Projekt angefangen und war in euphorischer Laune. Cullen erklärte das Konzept für das Buch, wie mit Liv besprochen. Rod war anderer Meinung. „Wir brauchen eine dramatische Steigerung. Es muss den Leser von den Socken hauen. Ich finde, wir fangen mit der Garage an. Meine Autosammlung ist ein echter Knüller, die müssen alle mit drauf. Am besten einzeln. Das ist ein Paukenschlag zum Einstieg. Dann das Haus, Pool zur Überleitung. Dann die Gemäldesammlung. 233 Stücke, Gegenwartskunst vom Feinsten. Müssen auch alle einzeln drauf. Dann wieder ein paar andere Hausansichten. Ich will, dass man sieht, was wir haben. Wir wollen nichts verstecken. Nicht wahr, Schatz?“

Bevor Liv antworten konnte, fuhr er fort: „Und ich will ein Kapitel über die Yacht. Und die anderen Wohnungen und das Haus in Florida. Ich will alles da drin haben.“ Cullen nickte. Also wieder zurück in den üblichen Katalogmodus. Es wäre auch zu schön gewesen. Liv schaute in den Garten raus und hörte nicht mehr zu. Rod zählte noch weitere Besitztümer auf, die alle in das Buch rein mussten. Cullen notierte eifrig mit.

(39) Chapman schlug die Augen auf und blickte in das gläserne Auge einer Spiegelreflexkamera.

Chapman schlug die Augen auf und blickte in das gläserne Auge einer Spiegelreflexkamera. Der Auslöser wurde mehrmals betätigt. „Sind Sie schon mal angegriffen worden?“, fragte Chapman, nachdem er sich geräuspert hatte. Er griff nach seiner Brille von der Ablage und sah Mike Cullen an, der jetzt die Kamera auf die Brust sinken ließ. „Bisher noch nie“, antwortete er. „Ich suche meine Gastgeber sehr sorgfältig aus.“ – „Sie glauben also, dass ich harmlos bin?“ – „Ich glaube, dass Sie vernünftig sind.“ Cullen drückte noch ein paar Mal ab. „Ich könnte Sie als Geisel nehmen.“ – „Genau das meine ich. Das wäre unvernünftig.“ Chapman stand auf und schlurfte auf nackten Füßen zu dem Stahlklo. „Kann ich pinkeln, ohne dass Sie mich dabei fotografieren?“ – „Klar“, Cullen setzte sich an den Tisch und schaute sich die letzten Bilder auf dem Display der Kamera an. Chapman war der 41. Häftling, mit dem er 24 Stunden verbrachte und dabei Fotos schoss. Noch ein halbes Dutzend mehr und er würde daraus einen Fotoband publizieren. Die Häftlinge waren normalerweise dankbar für die Abwechslung in ihrem öden Alltag. Manche fühlten sich wichtig dabei oder dachten, dass es vielleicht zu einer Wiederaufnahme ihres Verfahrens führen könnte. Manche Gefängnisse machten Schwierigkeiten, weil sie nicht verantwortlich sein wollten, falls Cullen etwas zustieße. Das war natürlich möglich, aber der Fotograf recherchierte vorher und sprach mit Psychologen. Er wollte nicht die Nacht alleine mit jemand verbringen, der plötzlich leisen Stimmen in seinem Kopf gehorchte.

Chapman kam zurück und setzte sich zu ihm. „Was machen denn die anderen so?“ Cullen fokussierte auf Chapmans Hände, die vor ihm auf dem Tisch lagen. „Unterschiedlich. Manche lesen viel, ein paar studieren. Andere machen Bodybuilding. Die meisten arbeiten im Gefängnis. Was machen Sie?“ – „Ich arbeite auch, zum Beispiel in der Bücherei. Ich habe nicht viel Kontakt zu anderen. Man hat Angst, jemand könnte mich umbringen. ‚I’m just sitting here doing time‘.“

Nach dem Frühstück wurde Cullen aufgeschlossen. Er verabschiedete sich von Chapman und versprach, ihm ein Exemplar des fertigen Buches zu schicken. Kurz darauf stand er draußen vor dem nachgeahmt-mittelalterlichen Turmaufbau des Hauptportals der Attica Correctional Facility. Wie immer schoss er das letzte Foto vom Eingang. Er kramte sein Mobiltelefon aus der Tasche und rief seine Sekretärin Marcella an, um herauszufinden, wo er jetzt hinmusste. Von anspruchsvollen Arbeiten, wie denen im Gefängnis, konnte er leider nicht leben.

(38) „Mr Lennon!“ John drehte sich um und sah Chapman rechts hinter ihm neben der schmiedeeisernen Pforte.

„Mr Lennon!“ John drehte sich um und sah Chapman rechts hinter ihm neben der schmiedeeisernen Pforte. Mit beiden Händen hielt er einen Revolver, der auf John gerichtet war. Vielleicht erkannte er im Bruchteil einer Sekunde, dass er Chapman an diesem Nachmittag ein Autogramm gegeben hatte. Auf das „Double Fantasy“-Album. Starting over. Watching the Wheels. Walking on Thin Ice.

Ein Schuss löste sich und John hörte im Innenhof ein Fenster klirren. Dann weitere Schüsse, die er nicht mehr zählte. Er schleppte sich die sechs Stufen hoch und stürzte. Die Kassetten, die er getragen hatte, flogen in alle Richtungen. In der Einfahrt stand Chapman immer noch in Schusspose, als sei er in Stein gemeißelt. José Perdomo, der Portier, schlug Chapman den Revolver aus der Hand. „Wissen Sie was Sie getan haben?“ Chapman nickte, gefasst: „Ja, ich habe John Lennon erschossen.“ Er hatte es geschafft. Er zog seinen Mantel aus, legte seinen Hut ab. Er wollte nicht von der Polizei erschossen werden, bloß weil man glaubte. er sei noch immer bewaffnet. Die Charter Arms .38 Special Undercover, die er vor eineinhalb Monaten für 169 Dollar in Honolulu gekauft hatte, lag für alle sichtbar auf den Pflastersteinen. Er setzte sich auf den Mantel. Perdomo stand neben ihm und hatte eine Hand auf seine Schulter gelegt. Oben auf der Treppe sah er, wie ein Bediensteter Lennon den Oberkörper freigelegt hatte und wie das Blut daran herunterlief.

Chapman schaute hinaus zur Straße. Dort stand noch die weiße Limousine, mit der John und Yoko angekommen waren. Chapman musste zweimal hinsehen: daneben stand der Fahrer und winkte ihm zu. Er bedeutete ihm, rüber zu kommen. Perdomo war zur Treppe hinüber gegangen und schaute den erfolglosen Rettungsversuchen zu. Chapman erhob sich und ging mit vorsichtigen, aber schnellen Schritten zum Wagen. Der Fahrer hielt die rechte hintere Tür auf. Er stieg hinein, die Tür fiel zu. Der Fahrer lief um den Wagen herum, setzte sich hinter das Steuerrad und machte eine Kehrtwende Richtung Central Park. „Das war knapp, Mr Lennon“, sagte er. Chapman nickte. „Das hätte daneben gehen können. Es gibt so viele Verrückte auf der Welt.“ – „Ja, Mr Lennon“, bestätigte der Fahrer, wechselte die Spur und fuhr so schnell er konnte in die 73ste Straße in Richtung Westen.

„Wo kann ich Sie hinbringen, Mr Lennon?“, fragte der Fahrer. Chapman schaute den Broadway hinunter, den sie gerade überquerten. „Zu Tante Mimi“, flüsterte er. „Entschuldigung, das habe ich nicht verstanden“, sagte der Fahrer. „Nichts“, erwiderte Chapman. „Bringen Sie mich nach Attica, ich werde dort erwartet.“

(37) Der Köbes hatte die Kölschgläser ausgeteilt und ging wieder.

Der Köbes hatte die Kölschgläser ausgeteilt und ging wieder. „Ich lese dann mal die Vorschläge laut vor.“ Ernst setzte die Lesebrille auf und faltete den ersten der vier Zettel auseinander. „Die vier Reiter der Apokalypse.“ Er schaute die anderen drei über den Rand seiner Brille an. Keiner schien begeistert, Georg verzog die Mundwinkel. Schade, Ernst hätte mit mehr Interesse an seinem Vorschlag gerechnet. Vielleicht hätte er doch schummeln sollen und seinen Zettel an den Schluss legen. Mal sehen, was die anderen sich ausgedacht hatten. Er nahm den nächsten. „Die vier Jahreszeiten.“ Herbert musste lachen, sah sich wahrscheinlich schon als Frühling mit Blumen im Haar. „Die vier Himmelsrichtungen.“ Auch hier keine Reaktion. Der Vorschlag war auch selten dämlich. Wahrscheinlich von Emil. Vielleicht hatten die apokalyptischen Reiter doch noch eine Chance. Ernst würde gerne als der weiße Reiter gehen.

Er nahm den letzten Zettel. „Die Beatles.“ – „Das ist es“, meinte Georg. Herbert und Emil nickten zustimmend. Ernst hatte keine andere Wahl.

Er hob seine Kölschstange, die anderen taten es ihm nach. Sie stießen an und tranken. „Ich halte fest, dass wir in der nächsten Karnevalssession als die Beatles auflaufen werden.“ Im vorigen Jahr hatten sich die vier Stammtischgenossen als die vier Spielkartenbuben verkleidet. Im Jahr davor als D’Artagnan und die vier Musketiere. „Ich wäre gerne John Lennon“, sagte Herbert. Es entstand eine Diskussion, weil jeder der vier John Lennon sein wollte. Genauso wie jeder zuvor D’Artagnan oder der Herzbube sein wollte.

„Wir machen es wie in den letzten Jahren: wir losen die Namen aus.“ Ernst nahm einen leeren Zettel, faltete ihn zwei Mal und trennte das Blatt in vier Teile. Auf jeden Teil schrieb er den Namen eines Beatle, knüllte den Zettel zusammen und warf am Ende die vier Knäuel in seinen Hut, den er zum weiteren Mischen etwas schüttelte. Er stellte den Hut auf den Tisch und jeder zog einen Zettel.

Herbert wurde Paul McCartney, Emil wurde Ringo Starr, Georg wurde George Harrison („Da brauche ich mir ja nur ein E anzuhängen und fertig.“) Ernst war zufrieden, dass er John Lennon war.

(36) Nachdem Jimmy Coetzee, der Skipper, das Schiff wieder in Richtung Hafen gewendet hatte…

Nachdem Jimmy Coetzee, der Skipper, das Schiff wieder in Richtung Hafen gewendet hatte, versuchte er an den Gesichtern der Passagiere zu erkennen, ob sie mit dem Ausflug zufrieden waren. Man konnte auf einer Fahrt zehn Wale zusammen finden – wenn es am Anfang der Fahrt passierte und danach nichts mehr, war es eine schlechte Fahrt gewesen. Ein einziger Wal am Ende einer Fahrt, das war normalerweise eine gute Fahrt. Glücklicherweise hatte er zum Schluss doch noch einen Südkaper finden können. Mit diesem Happy End schienen alle glücklich zu sein. An den Tagen davor war es viel einfacher gewesen, aber heute schienen die Wale alle sehr viel weiter draußen zu sein. Weiß der Teufel warum.

Nach der aufregenden Suche schienen sich alle zu entspannen. Ein älteres Ehepaar hatte Danni, den Whale Guide, in Beschlag genommen und stellten ihm eine Frage nach der anderen. Der Einzelmann, der sich vorhin, gerade als der Wal sprang, über die Reling übergeben hatte, war jetzt auch ruhiger. Ein echtes Landei, denn die See war kaum bewegt. Schien nicht so ein Büromensch zu sein, wie die meisten Gäste. Eher ein Arbeiter, der aus irgendwelchen Gründen seinen Urlaub alleine verbrachte. Irgendwie traurig, fand Coetzee. Genoss jetzt aber auch die Sonne, das war gut.

Der Skipper schob die Schirmmütze tiefer ins Gesicht und lehnte sich in seinem Sitz zurück. Es war der beste Teil des Tages, wenn man mit der letzten Tour gemütlich in den Hafen tuckern konnte und alle waren zufrieden.

Auch Reiche, Schöne und Prominente, die immer wieder mitfuhren, auch sie waren meistens sehr zufrieden. Einmal hatte er Ringo Starr an Bord. Zumindest sah der Gast so aus. Die Haare, die Nase und der Mund – für Coetzee war die Sache klar. Danni, den er dazu befragte, war anderer Meinung. Er hätte natürlich den Gast fragen können, aber das wollte er nicht. So konnte er zumindest immer erzählen, dass er mal einen Gast an Bord hatte, der wahrscheinlich Ringo Starr war. Mit Nachfragen hätte er die Story zerstört oder künftig lügen müssen. Danni war sowieso unbeeindruckt von Ringo Starr. „Ringo Starr, das ist wie ein Seehund. Nichts Besonderes. John Lennon wäre etwas ganz anderes, das wäre wie eine Schule von Buckelwalen.“ – „John Lennon ist tot.“ – „Eben“, entgegnete Danni, „das wäre etwas Besonderes gewesen.“ Danni war schon eine Nummer. Aber, vielleicht Ringo Starr gefahren zu haben, war besser, als sicher nicht John Lennon. Coetzee überlegte sich zum wiederholten Male, warum er nicht schon vor Jahren ein Album mit Fotos der Promigäste angelegt hatte. Das wäre sehr nützlich bei der Vermarktung. Er kannte die Antwort natürlich: Danni würde ihn deswegen foppen. Ausgerechnet Danni, der selbst eine Muschelsammlung pflegte.

(35) Es fühlte sich an, als ob Manfred Hucks Eingeweide einen Anlauf nahmen…

Es fühlte sich an, als ob Manfred Hucks Eingeweide einen Anlauf nahmen und dann gebündelt seinen Körper durch den Mund verlassen wollten. Es war aber nur sein Mageninhalt, den er über die Reling ins Meer spie. Die anderen Passagiere auf dem Schiff johlten, allerdings nicht wegen ihm, sondern weil ein riesiger Bartenwal achtern aus dem Meer auf- und wieder abtauchte. Als Manfred, kreidebleich, wieder in die Ferne schauen konnte, sah er nur noch von weitem den Rücken des Südkapers. Den besten Moment hatte er verpasst. Der Kapitän entschuldigte sich, dass es nicht mehr zu sehen gab an diesem Tag, morgen würde es bestimmt besser klappen.

Manfred setzte sich auf eine Bank und starrte auf den Horizont. Er war noch nie zuvor auf einem Schiff gewesen, daher die Seekrankheit. Am Tag zuvor hatte er sich mit seiner Ex-Frau getroffen. Die Klempnerei lief nicht gut und er bat sie, die Alimente vorübergehend kürzen zu dürfen. Sie lehnte ab, sie stritten sich, sie ließ ihn in dem Café sitzen. Danach wollte er in ein Kaufhaus gehen und sich neue Unterhosen kaufen. Dabei bemerkte er, dass er den Autoschlüssel im Auto stecken gelassen hatte. In diesem Moment kippte es in seinem Kopf: es war ihm alles egal. Er stand vor dem Schaufenster eines Reisebüros, darin ein Poster mit einem Walfisch vor Südafrika. Huck ging hinein, buchte für den gleichen Tag und flog im Blaumann nach Südafrika. Die anderen Passagiere hielten ihn wahrscheinlich für einen exzentrischen Künstler oder Modedesigner. Während er am Flughafen von Kapstadt auf den Bus nach Hermanus wartete, kaufte er sich ein T-Shirt und eine kurze Hose. Er zog sie gleich an, den Blaumann stopfte er in die Plastiktüte. Als er in Hermanus das Whale Watching-Boot bestieg, fühlte er sich gut. Er hatte ein Ziel gehabt und in weniger als 24 Stunden hatte er es umgesetzt.

Nachdem er alles ausgekotzt hatte, was in ihm steckte, fragte er sich, ob er das Richtige getan hatte. Der Rückflug war erst in 10 Tagen, eine Umbuchung wäre zu teuer. Er hatte wenig Spielraum auf seiner Kreditkarte und kannte niemanden in Südafrika. Zum Überfluss hatte er sein Auto mit dem teuren Werkzeug unverschlossen im Parkhaus stehen gelassen.

Als das Schiff wendete, um wieder in den Hafen von Hermanus zurück zu kehren, sah Huck wie die Sonne tief über dem glatten Meer stand und es in warme Farben tauchte. Er schloss die Augen und ließ sich von den Strahlen wärmen. Der Fahrtwind spielte in seinen Haaren und er spürte tief in sich ein Gefühl von Glück.

(34) Joseph kicherte für sich und trat aus dem Aufzug auf das Parkdeck.

Joseph kicherte für sich und trat aus dem Aufzug auf das Parkdeck. Den anmaßenden Anzugfuzzi hatte er ordentlich in die Flucht geschlagen. Das war lustig. Aber er wollte kein Aufsehen erregen, deshalb hatte er kurz darauf seinen Platz geräumt und für den Tag Schluss gemacht. Die Blindenbinde und die dunkle Brille hatte er in die Tasche seines Mantels gestopft.

Seit er die Blindenbinde gefunden hatte, waren seine Einnahmen gestiegen. In der Hand trug er eine Plastiktüte mit Einkäufen. Ein Viertel seiner Tageseinnahmen hatte er in Lebensmittel investiert. Am Ende der Reihe und unter der Auffahrt stand der weiße Lieferwagen mit der Aufschrift „Manfred Huck Klempnerei + Installation“. Als er sich dem Wagen näherte, schaute Joseph sich um und schloss die Seitentür auf. Er öffnete sie einen Spalt weit, stieg ein und zog die Tür hinter sich wieder zu.

Im Laderaum lag eine Matratze, daneben ein Regal mit Werkzeugen, Rohrstücken und Muffen sowie einem Schraubstock zum Gewindeschneiden. Über dem Bett hingen an Haken viele Plastiktüten, in denen Joseph seine Besitztümer aufbewahrte. Er hatte vor einer Woche bei einem seiner Streifzüge bemerkt, dass der Lieferwagen unverschlossen war und der Schlüssel im Zündschloss steckte. Am nächsten Tag hatte er den Wagen untersucht und gefunden, dass er eine Art mobile Werkstatt enthielt. Den Wagenschlüssel hatte er abgezogen und mitgenommen. Als am darauf folgenden Tag der Wagen immer noch unbeachtet dastand, hatte er beschlossen einzuziehen. Das Werkzeug hatte er so gestapelt, dass Platz frei wurde für seine Matratze. Seit er eingezogen war. hatte er den Eindruck, dass sich sein Besitz sehr stark vermehrt hatte. Während er vorher nur Dinge aufbewahrte, die wichtig waren, merkte er, dass er immer öfters Dinge aufbewahrte, obwohl er sie wahrscheinlich nicht wieder brauchen würde.

Manchmal fragte er sich, was mit Manfred Huck passiert sei. Vielleicht wollte er nur kurz einkaufen gehen und fiel tot um oder musste ins Krankenhaus. Auf jeden Fall suchte keiner nach dem Wagen. Und falls jemand käme, dann würde er eine neue Stelle zum Übernachten suchen müssen. Aber solange genoss es Joseph, eigene und abschließbare vier Wände zu bewohnen. Manchmal, wenn er auf seiner Matratze schlief, träumte er, dass er den Wagen startete, aus dem Parkhaus heraus in die Graf-Adolf-Straße und weiter in Richtung untergehende Sonne entlangfuhr.

(33) Reichel fuhr in seinem Dienst-BMW durch die Nacht und war verstört.

Reichel fuhr in seinem Dienst-BMW durch die Nacht und war verstört. War auch er jetzt bei Borkenhagen in Ungnade gefallen? Würde er sein Wissen aus vielen Jahren als Verhandlungshebel einsetzen können? Was wäre, wenn es zu einer Gerichtsverhandlung käme? Es schien ihm, dass sowohl er als auch die Vorstände ein Interesse daran hatten, Stillschweigen zu bewahren. Andererseits war das Vertrauen verspielt. Er würde sich einen neuen Job suchen müssen. Er hätte mehr Material zur Seite schaffen müssen. Sollte er jetzt gleich deswegen nochmal ins Büro fahren?

Mittlerweile hatte er den Wagen in einem Parkhaus abgestellt und irrte ohne Ziel durch die Straßen. Wie lange würde er noch den Luxus eines BMWs genießen dürfen? Er musste sich erst beruhigen, bevor er nach Hause fahren konnte. Seine Frau würde ihm anmerken, dass etwas nicht stimmte und Reichel war noch nicht in der Lage mit ihr darüber zu reden.

Als er an einer Eisdiele vorbeikam, beschloss er, sich ein Eis zu kaufen. Dann bemerkte er, dass seine Brieftasche fehlte. Er musste sie im Club 13 vergessen haben. Mit einem Schlag wurde ihm heiß am Kopf, er begann zu schwitzen. Dann beruhigte er sich wieder. Er würde zurück fahren, schauen ob die Vorstände weg waren und dann noch einmal hineingehen. Er hatte keine andere Wahl.

Dann fiel ihm ein, dass er auch kein Geld hatte, das Parkhaus zu bezahlen. Kein Kleingeld im Auto. Zuerst nach Hause – keine gute Idee. Taxi warten lassen – schlecht, wenn die Vorstände noch da wären.

Dann bemerkte er einen Bettler, den er vorhin übersehen hatte. Saß auf einer dicken Nylontasche, dunkle Brille, Blindenbinde und davor ein Pappteller mit Münzen. Reichel verlangsamte den Schritt und schaute vom Teller zum Gesicht des Blinden und zurück. Zwei der Münzen würden reichen für das Parkhaus. Er schaute sich um. Der Bürgersteig war leer. Er ging auf den Bettler zu, blieb vor ihm stehen, bückte sich wie zum Spenden und tat so, als ob er stolperte. Dabei kippte er den Teller um, dessen Inhalt auf den Bürgersteig klirrte. Reichel tat erschrocken. Er entschuldigte sich, sammelte alle Münzen wieder ein und ließ sie bis auf zwei wieder auf den Teller plumpsen.

„Es fehlen zwei“, sagte der Blinde. „Nein“, entgegnete Reichel, „es ist eine mehr. Schönen Abend.“ – „Dieb! Dieb! Dieb! Er bestiehlt einen Blinden!“, schrie der Bettler lauthals. Reichel geriet in Panik, besonders als der Blinde sich erhob und anfing, mit dem Stock nach ihm zu schlagen. „Undankbarer Scheißkerl“, zischte er und lief davon. Weil er dachte, dass man ihn verfolgte, lief er erst zwei Blocks geradeaus, dann einen nach links und zurück zu der Hinterseite des Parkhauses. Er zahlte, holte sein Auto und fuhr, noch ganz atemlos, aus dem Parkhaus. Verstohlen bemerkte er, dass der Bettler nicht mehr da saß.