(9) Die Homestory, die ich vor drei Wochen bei Herrn Burgschauspieler Ludwig Franz abgeschossen habe…

von Alain Fux

„Die Homestory, die ich vor drei Wochen bei Herrn Burgschauspieler Ludwig Franz abgeschossen habe, war auch nicht schlecht. Das war mit Ronald zusammen. Mittendrin haben wir festgestellt, dass Franz die Wohnung speziell für uns gemietet hatte. Das war auch der Grund, warum alles so adrett aussah. Hat ihm nicht gut getan.“ Schindler schüttelte noch jetzt den Kopf bei der Erinnerung an diese Homestory, die in Wirklichkeit keine war. „Ja, wir haben einen seltsamen Beruf“, pflichtete ihm Hoss bei. Mit einer Bewegung seines Zeigefingers bestellt er noch einmal die gleiche Runde bei dem Schankkellner. „Einmal war ich bei dem großen Schriftsteller Gerald Rückborn. Ich hatte mich sehr gut vorbereitet, sogar eins seiner Bücher quergelesen. Total verkopftes Zeug, ich habe nichts davon verstanden. Moral und Intelligenz hatten sie ihm mit der Suppenkelle eingeflößt, dachte ich. Aber die Verlagsleitung wollte das Interview. Wir fuhren also hin. Das Haus war wie ein Kloster. Keine Polstermöbel – nur harte Stühle und Bänke. Keine Teppiche, nur Fliesen wie im Leichenschauhaus. Kaum geheizt, auch im Winter nicht – und es war Winter. Jagdtrophäen an der Wand wie Nimrod persönlich. Uns fror der Asch ab. Zu trinken gab es nur Wasser und Tee. Dafür mehr verklärte Sprüche, als in der Bibel stehen. Eine Fassade gegen die du eigentlich keine Chance hast.“ – „Und, was hast Du daraus gemacht?“, fragte Schindler gespannt. „Es war wie verflixt. Nichts, was einen Leser interessieren könnte. Als Rückborn mal für Nobelpreisträger musste, bin ich zurück ins Arbeitszimmer geschlichen und habe den Inhalt seines Mülleimers in meine Umhängetasche gekippt. Volles Risiko.“ – „Guter Move. Wenn man nichts findet, muss man tiefer graben. Und, was ergab die Analyse?“ – „Ganz unten war das Kalenderblatt des Tages, an dem wir ihn besuchten. Darunter noch ein paar Weinkorken. Darüber ein paar Mahnungen, leere aber zerknüllte Blätter Papier. Dazwischen sieben zerknüllte Papiertaschentücher. Laborergebnis dazu: alle mit Sperma vollgepumpt.“ – „Das nenne ich gute Arbeit“, entgegnete Schindler anerkennend. „Ja, dabei war es erst früher Nachmittag, als wir ihn besuchten. ‚Gerald schnäuzt den Kasper ohne Ende.‘ Eigentlich wäre es ein schöner Artikel geworden. Aber natürlich hat die Verlagsleitung den Artikel vollständig zensiert. Heraus kam eine Lobeshymne auf den Mann mit der eisernen Moral.“ – „Jaja, wir sind die Unbestechlichen…“

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