(6) Bevor er aus dem Maisfeld trat, schaute Trapp sich um.

von Alain Fux

Bevor er aus dem Maisfeld trat, schaute Trapp sich um. Die Luft war rein. Er stieg in seinen Landrover. Sein Instinkt hatte sich nicht getäuscht. Hesse war ihm schon am Telefon wie ein Weichei vorgekommen. Auf solche Menschen konnte man sich nicht verlassen. Trapp hatte sich geschworen, nie mehr für Auftraggeber zu arbeiten, denen es an Konsequenz mangelte.

Während der Rückfahrt zu seinem Pferdehof, informierte er den Kontaktmann, der ihn mit Hesse in Verbindung gebracht hatte. Als er auf den Hof fuhr, registrierte er zufrieden, dass Erika bereits auf ihn wartete. „Benjy ist bereit“, verkündete sie, als Trapp ausstieg. Gemeinsam gingen sie in den Stall zu dem weiß gekachelten Raum neben den Boxen. Erika streichelte den jungen Hengst am Hals und sprach beruhigend auf das Tier ein. Benjy war anders als sein Vater Jason. Seine grundlose Aggressivität machte es schwer, mit ihm zu arbeiten. Trapp hatte deshalb beschlossen, den Hengst zu kastrieren. Erika hatte ihn gebeten, den Eingriff zu verschieben. Vielleicht würde sich Benjys Verhalten ja bessern. Trapp hatte abgelehnt, weil die Komplikationsgefahr bei der Kastration mit dem Alter stieg.

Er zog einen weißen Kittel über seine Straßenkleidung und wusch sich die Hände am Waschbecken. Währenddessen zog Erika zwei Spritzen auf, eine zur Beruhigung und eine zur lokalen Betäubung. Nachdem er die erste Spritze gesetzt hatte, wartete Trapp auf ihre Wirkung und inspizierte das Besteck, das Erika vorbereitet hatte. Es war alles in Ordnung und er küsste sie auf den Mund. Bevor er die zweite Spritze verabreichte, besprühte er Benjys Hodensack großzügig mit einer Desinfektionslösung. Dann zog er sich Operationshandschuhe über. Erika stellte sich vorne neben das Pferd und kraulte seinen Hals. Mit der Spitze eines Skalpells testete Trapp, ob die Lokalanästhesie schon wirkte. Als Benjy nicht reagierte, sagte er: „Es geht los.“ Mit präziser, entschlossener Bewegung setzte er einen Schnitt in die Mitte des Hodensacks. Er griff hinein und legte die Hoden frei. Das Skalpell reichte er Erika und bekam von ihr die Fasszange, mit der er einen Hoden festhielt und dann mit der eigentlichen Kastrationszange abtrennte. Vorsichtig löste er den Griff, um zu sehen, ob die Blutgefäße ausreichend abgeklemmt waren. Den Eingriff wiederholte er mit dem zweiten Hoden. Benjy war entgegen seiner Art sehr geduldig. Trapp versorgte die Wunde und vernähte den Schnitt mit routinierten Bewegungen.

„Armer Benjy“, sagte Erika. „Jetzt ist er ein Wallach, bevor er auch nur einmal Hengst sein durfte.“ – „Nur keine Sentimentalitäten“, erwiderte Trapp. „Es war notwendig. Was er nicht kennt, wird er auch nicht vermissen.“

Advertisements