(5) Dirk Hesse erzählte Rainold Trapp von seinem Problem.

von Alain Fux

Dirk Hesse erzählte Rainold Trapp von seinem Problem. Hesse importierte Brillen aus China. Der größte Teil seines Absatzes ging an einen Großhändler, der seinerseits alle wesentlichen Handelsketten belieferte. Der Großhändler wollte jetzt Hesses Geschäft übernehmen. Anderenfalls würde er die Brillen künftig selbst importieren. Hesse wollte nicht verkaufen und sah sein Geschäftsmodell am Ende. Durch die drohende Vertragsverletzung fühlte er sich persönlich angegriffen. Über Kontakte war er an Trapp herangetreten. Man hatte ihm gesagt, dass Trapp der Mann für alle Fälle sei.

Jetzt saß Trapp vor ihm am Picknicktisch des Autobahnparkplatzes und schaute ihn mit unbewegter Mimik an. Als Hesse geendet hatte, fragte Trapp: „Mit welcher Dosis von Gewalt wollen Sie Ihrem Ärger Ausdruck verleihen? So viel wie nötig? Weniger? Oder mehr?“ Je länger Hesse über den Sinn dieser Worte nachdachte, desto weniger gefielen sie ihm. „Um Ihnen die Entscheidung zu vereinfachen: Ich wende nur so viel Gewalt an, wie nötig. Aber auch nicht weniger. Ich möchte, dass Sie das wissen. Mein Handeln hat für Sie Konsequenzen. Es gibt ein Vorher und ein Nachher. Wenn Sie im Nachher sind, ist eine Rückkehr ins Vorher nicht mehr möglich. Es ist sozusagen eine Wasserscheide. Können Sie damit leben?“

Hesse schaute auf den Parkplatz hinter Trapps Rücken, wo der Wind eine leere Plastiktüte über den Asphalt trieb. Er räusperte sich. „Ich dachte, das bräuchte ich nicht zu wissen. Ich sage Ihnen, was mein Problem ist und kaufe mir bei Ihnen eine Lösung.“ Trapp schien auf einem Mal größer als vorhin. Er stützte sich auf die dunkle Tischplatte und lehnte sich nach vorne. „So einfach ist das nicht. Irgendwann finden Sie heraus, was passiert ist. Wo der archimedische Punkt des Großhändlers lag. War es sein Hund, sein Haus, seine Tochter. Sie werden die Zusammenhänge erkennen. Wenn Sie jetzt nicht bereit sind, damit umzugehen, werden Sie es nie sein. Damit bringen Sie mich in Gefahr. Sie würden versuchen, klare Entscheidungen mit Ausreden und Entschuldigungen auszupolstern. Und irgendwann würden Sie Ihr Gewissen erleichtern wollen, indem Sie mich ans Messer liefern.“ Ein LKW fuhr an den beiden Männern am Picknicktisch vorbei und brachte die Plastiktüte zum Platzen. Hesse zuckte zusammen.

„Ich möchte nicht für Sie arbeiten. Sie werden bestimmt einen anderen finden, der besser passt. Wir haben uns nie getroffen.“ Trapp stand auf und ging, ohne sich umzusehen, in das angrenzende Maisfeld hinein. Hesse schaute ihm nachdenklich hinterher. Wegen der hohen Pflanzen konnte er nicht erkennen, in welche Richtung Trapp ging.

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