(360) Elmar Lang verspürte einen Stich im Herzen.

von Alain Fux

Elmar Lang verspürte einen Stich im Herzen. Er erkannte den Greis, der im Café Zeitung las. Er ging ein paar Schritte zurück, um den Mann am Fenster genauer zu studieren. Kein Zweifel, es war SS-Obergruppenführer Dietrich Appel.

Lang sah ihn vor sich, wie er aufrecht neben der Kompagnie stand und immer wieder den Schießbefehl gab. Lang wusste nicht, wie viele der Tausende von Opfern er selbst an dem Tag und dem folgenden umgebracht hatte. Diese beiden Tage hatten sein Leben verändert. Noch heute schreckte er oft in der Nacht hoch, weil er wieder davon geträumt hatte.

Nach dem Krieg war Appel als einer der Haupttäter gesucht worden, aber er war untergetaucht. Nun saß er hier am Fenster. Lang wartete, bis Appel aus dem Lokal kam. Trotz seines Alters war er sehr rüstig und Lang hatte Mühe, ihm zu folgen. Appel verschwand in einem schönen bürgerlichen Haus in einer ruhigen Nebenstraße. Theodor-Spiller-Straße 257. Lang studierte die Namensschilder neben den Klingelknöpfen. Die Namen sagten ihm nichts. Als eine Frau mit Einkaufstaschen die Haustür öffnete, fragte er sie nach dem älteren, rüstigen Herr, der hier wohnte. Sie seien befreundet, aber der Name sei ihm entfallen. „Alzheimer“, fügte er bedauernd hinzu.

Die Frau war sehr freundlich und hilfsbereit: „Sie meinen gewiss Herrn Hafenberg. So ein lieber Nachbar. Wollen Sie mit reinkommen?“ Lang bedankte sich und sagte, er habe vorher noch einen Arzttermin.

Die Episode hatte Lang aufgewühlt. Während er im Elend lebte, führte Appel weiterhin ein schönes Leben. Je länger er darüber nachdachte, desto wütender wurde er. Zuhause schrieb er einen Brief an den Staatsanwalt, in dem er Details zum Massaker und zur Rolle von Appel angab. Darunter schrieb er den neuen Namen von Appel sowie dessen Adresse. Zuerst zögerte er, dann setzte er seinen eigenen Namen unter das Schreiben. Er ging aus dem Haus und warf den Umschlag in den Briefkasten gegenüber.

Ein paar Stunden später, draußen dämmerte es bereits, wachte Lang schweißnass auf, hyperventilierte und musste erst einmal eine Tablette nehmen, um sich zu beruhigen. Dabei dachte er nach.

Schließlich zog er sich an und kehrte zurück zu dem Briefkasten. Er nahm ein Stofftaschentuch, das er vorher mit Feuerzeugbenzin getränkt hatte und stopfte es in den Briefkasten, so dass nur noch ein Zipfel herausschaute. Er blickte sich um und zündete den Zipfel an. Als er überzeugt war, dass das Taschentuch brannte, ging er wieder nach Hause.

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