(359) Als Frau Helms jünger war, lernte sie einen Mann kennen…

von Alain Fux

Als Frau Helms jünger war, lernte sie einen Mann kennen, in den sie sich Hals über Kopf verliebte. Er hatte für sie die richtige Mischung aus Intelligenz, gutem Aussehen, Witz und männlichem Tatendrang.

„Elmar war ein Mann, wie es ihn nur sehr selten gibt. Ich hatte das Glück, sechs Monate mit ihm zu verbringen.“ – „Was geschah dann?“, fragte Ramona.

Elmar war in vielerlei Hinsicht perfekt, aber er hatte einen entscheidenden Makel: Wenn man es richtig anstellte, war er leicht zu beeinflussen.

„Ich habe versucht, ihn davor zu bewahren, aber gegen die Rituale und Symbole der Nazis konnte ich nichts ausrichten. Er hatte alles und fühlte sich doch hingezogen zu denen, die nichts von all dem hatten. Innerhalb von kurzer Zeit war er selbst zu einem unbeirrbaren Nazi geworden. Er meldete sich freiwillig zur Waffen-SS und wurde nach Russland abkommandiert.“

Er hatte ihr noch ein paar Mal geschrieben, aber sie hatte ihm nicht mehr geantwortet. Ein Jahr später verließ Gertraud Helms Deutschland und reiste zuerst nach Südfrankreich und dann in die Vereinigten Staaten. Nach dem Krieg kehrte sie nach Deutschland zurück, allerdings nie für lange Zeit. Einen Augenblick hatte sie erwogen, Nachforschungen nach Elmar anzustellen.

„Ich habe aber nichts unternommen. Ich hatte damit abgeschlossen, glaubte ich. Eines Tages aber stand er vor meiner Tür. Er war aus der russischen Gefangenschaft entlassen worden und sah jämmerlich aus. Elmar hatte sein Leben retten können, aber alles andere hatte er verloren.“ Gertraud Helms trank einen Schluck Rotwein und zog die Decke höher.

„Er war stumpf, hässlich und ich empfand nur Verachtung für ihn. Er war der einzige, den ich wirklich an mich herangelassen hatte und er hatte mich unendlich schwer enttäuscht. Fanatismus, wofür auch immer, ist eine Krankheit, die alles auffrisst. Am Ende auch den, der durch sie lebt.“

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