(358) Die alte Dame bestellte einen Rotwein bei der Flugbegleiterin.

von Alain Fux

Die alte Dame bestellte einen Rotwein bei der Flugbegleiterin. Als sie den ersten Schluck getrunken hatte, sagte sie zwinkernd zu Ramona, die neben ihr saß: „Das ist gut für meine Gefäße.“ – „Bestimmt“, meinte Ramona, „außerdem wärmt es die Seele.“

Sie kamen ins Gespräch. Gertraud Helms, so hieß die Dame, war eine echte Globetrotterin. Sie war gerade auf ihrer dritten Weltreise und meinte traurig: „Wahrscheinlich auch meine letzte. Ich wollte, ich wäre noch so jung wie Sie. Ihr jungen Dinger habt ja heute viel mehr Freiheiten als wir damals. Das würde ich richtig ausnutzen.“

Frau Helms hatte nie geheiratet und das Erbe ihrer Eltern war sehr großzügig gewesen. „Ich hatte das Glück, nie arbeiten zu müssen“, erklärte sie. „Aber ich war nie untätig. Ich habe halt nur das gemacht, was mir gefiel. Ramona, womit beschäftigen Sie sich, wenn ich fragen darf?“ Ramona druckste herum, redete von einem Tanzlokal, in dem sie auftrat. Frau Helms unterbrach sie und fragte: „Striptease oder Tabledance?“ – „Tabledance“, bestätigte Ramona erleichtert und beide mussten lachen. „Ich bin ja nicht von gestern“, fügte Frau Helms hinzu. „Habe ich vor ein paar Monaten in Las Vegas gesehen, im Luxor. Das meinte ich vorhin: Es gibt heute viel mehr Freiheiten. Ich glaube, das hätte ich auch mal gerne ausprobiert.“

Ramona entgegnete, dass es auch heute viele Einschränkungen gäbe und erzählte von ihren Erlebnissen vom Vortag. „Ja, meine Liebe“, bestätigte Frau Helms, „es gibt viel Intoleranz und Fanatismus in der Welt. Und oft gerade da, wo man es nicht vermutet. Wenn es Sie interessiert, werde ich Ihnen eine Episode aus meinem Leben erzählen.“

Advertisements