(357) Rafael Stang schaute durch den Türspion auf den Bürgersteig.

von Alain Fux

Rafael Stang schaute durch den Türspion auf den Bürgersteig. Die Demonstranten standen immer noch vor seinem Tabledance-Lokal. Zwischen den beiden Straßenlaternen rechts und links hatten sie ein Banner gespannt: ‚Du sollst deine Tochter nicht zur Hurerei anhalten, dass nicht das Land Hurerei treibe und werde voll Schandtat (3. Moses 19:29)‘. Normalerweise hätte das ‚Diamond Nipple Saloon‘ seit einer Stunde geöffnet und mittlerweile hätte ein Dutzend Gäste den Verrenkungen einer Tänzerin zugeschaut.

So aber traute sich kein Kunde herein. Er hatte bereits versucht, mit dem Anführer der wütenden Christen zu reden. Der war sehr höflich gewesen, hatte sich sogar vorgestellt („Karsten Schiffner, angenehm“), war aber nicht bereit gewesen, die Demonstration abzubrechen. Stang hatte gehofft, dass die Demonstranten irgendwann aufgeben würden, danach sah es aber nicht aus. In jeder weiteren Minute würde er immer mehr Umsatz verlieren.

„Was ist jetzt?“, fragte ihn Ramona, die im Bademantel hinter ihm an einem Tisch saß. „Läuft heute noch was oder kann ich mich wieder anziehen? Dann gehe ich nach Hause und packe für meinen Urlaub.“

Stang war unsicher. Er agierte zwar als Geschäftsführer, war aber auch nur Angestellter und zudem war es das erste Mal, dass er diese Verantwortung trug. Er nahm sein Mobiltelefon und wählte eine Nummer.

„Fritz, ich habe ein Problem.“ Er erläuterte die Situation und bat um Instruktionen. Fritz sagte ihm, er solle einen Augenblick warten. Die Leitung war einen Moment tot, dann war Fritz wieder dran. „Der Chef sagt, ich zitiere: ‚Deal with it‘. Alles klar?“ Dann legte er auf.

Stang dachte kurz nach und erklärte dann: „Ich rufe jetzt die Polizei. Soll ich die Typen etwa mit einem Baseballschläger zusammenkloppen?“ Ramona stand auf. „Das mach mal. Ich lege keinen Wert darauf, den Herren in Tracht zu begegnen. In einer Viertelstunde kommen eh‘ zwei weitere Mädels. Du kommst ohne mich klar.“ Stang zuckte die Schultern und wählte den Notruf. Ramona ging in die Garderobe.

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