(352) Mutter, komm mal, ich habe einen ganz Großen am Haken.

von Alain Fux

„Mutter, komm mal, ich habe einen ganz Großen am Haken.“ Eric Sturm winkte ganz aufgeregt und Susanne Sturm tastete sich vorsichtig zur Uferböschung. In den letzten Monaten waren ihre Schmerzen beim Gehen immer stärker geworden. Eric wollte, dass sie zum Arzt ging, aber dazu hatte sie keine Lust. Es war eh‘ alles vermurkst.

„Ich hätte etwas aus meinem Leben machen können“, sagte sie oft zu Eric, „wenn ich deinen Vater nicht kennen gelernt hätte. Ich hatte studiert, hätte viel Geld verdienen können, schöne Kleider kaufen. Stattdessen wollte dein Vater, dass ich Zuhause versauere.“ Dass auch Eric sie enttäuscht hatte, erwähnte sie nicht, es war nicht die Schuld des Jungen. Er war sehr lieb zu ihr und irgendwie schätzte sie es auch, dass er noch bei ihr wohnte, aber Eric war etwas dämlich. Sie führte es auf die schlechten Gene seines Vaters zurück. Körperlich war Eric so zäh wie sie selbst, aber die Defizite im Oberstübchen musste er von seinem Vater haben. Verflucht sei er, auch wenn er längst in seinem Grab verrottet war, dachte sie. Heinzpeter Sturm hatte sie geheiratet, weil er der erste war, der sie gefragt hatte und weil er am Anfang ihrer Beziehung so unkompliziert und zuverlässig schien.

„Das sieht ja schwer aus“, bemerkte sie, während Eric konzentriert versuchte, den zappelnden Fisch näher ans Ufer zu ziehen. Plötzlich sprang der Fisch hoch, konnte sich irgendwie vom Haken lösen und verschwand wieder im trüben Wasser. „Ha“, sagte Susanne und schlurfte wieder zu dem Klappstuhl zurück.

Sie fand den Angelausflug sterbenslangweilig und war nur mitgekommen, weil sie vorher mehrere andere Vorschläge von Eric ausgeschlagen hatte. Der Junge gab sich Mühe und sie wollte kein Spielverderber sein. Beim Angeln war er wenigstens beschäftigt und versuchte nicht, ständig mit ihr über etwas zu sprechen, wovon er sowieso nichts verstand. Unter anderen Umständen hätte sie intelligente Freunde gehabt, die geistreiche Gespräche mit ihr führen würden und auch ihre Witze verstünden.

Nachdem der Tyrann endlich ins Grab gegangen war, war sie verurteilt, den Rest ihres Lebens mit einem Trottel zu verbringen. Sie seufzte und griff sich wieder das abgewetzte Exemplar von ‚Krieg und Frieden‘.

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