(347) Dittmar Bahr öffnete den Briefkasten und entnahm drei Umschläge.

von Alain Fux

Dittmar Bahr öffnete den Briefkasten und entnahm drei Umschläge. Einer davon kam von einer Versandhandelsfirma, bei der seine Frau Elke öfters bestellte. Wahrscheinlich eine Mahnung. Eine Rechnung der Stadtwerke. Der dritte Brief war handschriftlich an ihn persönlich adressiert. Interessiert öffnet er ihn.

Im Innern fand er ein Foto. Als er den Abzug richtig herum drehte, erkannte er darauf seine Frau, nackt in ihrem Badezimmer. Ihm wurde ganz heiß. Er untersuchte den Umschlag genauer – es gab keinen Absender, die Adresse war in Druckbuchstaben geschrieben. Dittmar Bahr nahm das Foto wieder in die Hand und versuchte sich vorzustellen, von wo aus das Foto geschossen worden war. Es musste von gegenüber, vom Haus der Linges aus aufgenommen sein, wahrscheinlich erster Stock. Er schaute durch das Fenster nach drüben und verglich mit dem Foto. So musste es sein. Mittlerweile war er sehr zornig geworden. Er sah Harald Linge vor sich, der jedes Mal freundlich winkte, wenn er Dittmar Bahr vor dem Haus begegnete. Bahr stellte sich vor, wie Linge aus einem abgedunkelten Zimmer zu Elke herüber glotzte. Er lauerte darauf, dass sie ins Badezimmer ging, um dann schamlos Fotos zu schießen mit einer Kamera, die über ein enorm langes Teleobjektiv verfügen musste. Bahr zerknüllte den Briefumschlag und schmiss ihn in die Ecke. Vielleicht wusste Elke sogar davon und genoss es gar. Sein Herz raste und es war ihm so, als ob er in seinen Ohren nur noch sein eigenes Herz hörte.

Bahr öffnete die Haustür und lief in zügigem Schritt zur Straße, schaute links und rechts, überquerte sie, bog in die Garagenauffahrt der Linges ein und schritt weiter zur Haustür. Es fühlte sich an, als ob er keine Luft mehr bekam. Er sammelte sich kurz und klingelte. Ein Schatten kam von innen auf die Tür zu. Bahrs Blick verengte sich, er fokussierte nur auf Augenhöhe auf den Spalt, den die Tür bald mit dem Rahmen bilden würde. Jetzt, die Tür öffnete sich. Er sah den Kopf von Harald Linge, der irgendetwas zu sagen schien. Seine Lippen öffneten und schlossen sich, aber Bahr hörte nur sein Herz klopfen. Plötzlich tauchte eine Faust in seinem Blickfeld auf. Es war seine eigene und sie traf Linge mitten auf dem Mund. Dann noch einmal auf das rechte Auge.

Linge ging zu Boden und Bahr kehrte zurück in sein Haus. In ein paar Minuten würde er sich fragen, wie er mit Elke umgehen sollte.

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