(345) Frau Zisch arbeitete seit fünf Jahren für das Bestattungsunternehmen Kolb.

von Alain Fux

Frau Zisch arbeitete seit fünf Jahren für das Bestattungsunternehmen Kolb. Als sie anfing, wollte der alte Herr Kolb eigentlich in den Ruhestand gehen und sie sollte seinem Sohn Eduard, der den Betrieb übernehmen wollte, zur Hand gehen. Allerdings hatte Edwin Kolb seine Meinung bald darauf wieder geändert und ließ seinen mittlerweile vierzigjährigen Sohn weiterhin im Unklaren, wann er sich zurückziehen wollte. Seine Standardsprüche waren „So eine billige Arbeitskraft wie mich findest du nimmermehr“ und „Du bist doch schon Geschäftsführer und es gehört alles der Familie“.

Gabi Zisch wusch und kleidete die Leichen ein. Herrichtungsarbeiten nahm Eduard Kolb vor. Vor fünf Jahren war Herr Kolb sen. wieder einmal sehr unangenehm zu seinem Sohn gewesen und Eduard war zu ihr in den Keller gekommen. Er sah ihr zu, wie sie eine junge Frau herrichtete. Es war ihre 313. Leiche gewesen, seit sie bei der Firma Kolb arbeitete. Nachdem sie fertig war und sich die Hände gewaschen hatte, hatte Eduard sie recht unbeholfen auf den Mund geküsst. Sie war erschrocken gewesen, er ebenso. In seiner verklemmten Art hatte sie ihn irgendwie süß gefunden und hatte ihn zurück geküsst.

Als allein erziehende Mutter und Leichenwäscherin obendrein war Gabi Zischs Erfolg bei Männern eingeschränkt. Seit dem ersten Kuss hatten sie und Eduard, wenn es sich ergab, zwei- bis drei Mal in der Woche Sex im Sarglager. Sie hatten sich dafür einen Sarg hergerichtet, der eigentlich für schwer übergewichtige Leichen vorgesehen war. Eduard hatte große Angst, dass sein Vater dahinter kommen könnte, deshalb wollte er sie auch nie in das Wohnhaus mitnehmen, in dem er mit seinem Vater lebte.

Frau Zisch hatte die vage Hoffnung, dass Eduard sie nach dem Ableben seines Vaters heiraten würde. Einmal hatte sie in einem Alptraum Herrn Kolb sen. auf dem Behandlungstisch gehabt und während sie mit einem Schwamm seinen Oberkörper wusch, hatte er die Augen geöffnet und geschrien: „Es gehört alles der Familie!“

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