(344) Elisabeth Hinz ergriff das Papiertaschentuch, das Edwin Kolb ihr entgegenhielt und schnäuzte sich.

von Alain Fux

Elisabeth Hinz ergriff das Papiertaschentuch, das Edwin Kolb ihr entgegenhielt und schnäuzte sich. Heidi saß neben ihr und langweilte sich. Ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass Vati tot sei, so wie die Hasen, Wildschweine und Rehe, die er mit nach Hause brachte. Heidi hatte gefragt, ob sie Vater jetzt essen würden. Darauf hatte die Mutter sie geohrfeigt und Heidi hatte sie danach ignoriert.

Edwin Kolb, ein älterer Herr in dunklem Anzug mit weißem Einstecktuch, räusperte sich. „Wenn Sie einverstanden sind, würde ich Ihnen die Qual der Wahl gerne abnehmen und Ihnen ein Gesamtangebot für eine würdige Zeremonie unterbreiten. Etwas, das Ihren finanziellen Rahmen nicht sprengt, aber dennoch von Ihrer großen Liebe und Ihrem Respekt vor dem Verstorbenen zeugt.“ Frau Hinz nickte. „Was soll nur aus uns werden?“, fragte sie und schaute Heidi an, die sofort wegschaute.

Herr Kolb räusperte sich noch einmal. „Haben Sie denn besondere Vorstellungen zu den musikalischen Arrangements?“ – „Jägermusik“, antwortete sie. Kolb nickte und notierte. „Und… ich weiß nicht, wie ich es sagen soll?“ – „Reden Sie frei heraus, Frau Hinz, ich bin seit fast fünfzig Jahren im Beruf.“ – „Es würde meinem Mann viel bedeuten. Könnten Sie dafür sorgen, dass das Hirschkalb, das im Wagen war, mit ihm in den Sarg gelegt wird?“

Kolb stierte sie mit großen Augen hinter seiner vergoldeten Brille an und senkte den Notizblock. „Das werde ich auf keinen Fall zulassen“, presste er heraus. „Nicht als Bestatter und vor allem nicht als gläubiger und praktizierender Christ. Wie soll das denn aussehen beim Jüngsten Gericht, wenn alle auferstehen und es kommt heraus, dass Ihr Mann beim Tiere gelegen hat? Frau Hinz, ich werde jetzt so tun, als ob Sie diese Frage niemals gestellt haben.“ Frau Hinz ließ den Kopf zwischen den Schultern hängen. Versöhnlich fügte Kolb hinzu: „Mein Sohn wird sich um Ihren Verstorbenen kümmern. Er wird in den besten Händen sein.“

Advertisements