(335) Gustl: Zapfenstreich eben.

von Alain Fux

Gustl:  Zapfenstreich eben.

Rufus:  Bin noch nicht müde.

Gustl:  Ich auch nicht. (Pause) Was würdest du tun, wenn du nicht hier auf der Kadettenschule wärst?

Rufus:  Theatermaler wäre ich gerne geworden. Mein Vater wollte nicht. Und du?

Gustl:  Nichts anderes, ich wollte immer schon Offizier werden. Um meinem Land zu dienen.

Rufus:  Das ist auch mir sehr wichtig. Aber hier, so weit entfernt von der Heimat… Es ist schwer… Warum soll ich etwas verteidigen, wenn ich es nicht mehr habe?

Gustl:  Nanana, du klingst ja wie ein Anarchist. Gar nicht gut. Ich werde dich noch melden müssen.

Rufus:  Nein, so ist es nicht. Ich sehne mich nur nach meiner Familie. Meine Eltern, mein Bruder…

Gustl:  Ich habe nur eine Schwester. Was macht dein Vater?

Rufus:  Tot, Lungenentzündung, lang ist’s her. Deiner?

Gustl:  Pensionierter Beamter. Kränkelt.

Rufus:  Mutter und Schwester werden versorgt sein.

Gustl:  Du, komm mir nicht mit diesen Frechheiten! Dich hau‘ ich zu Krenfleisch!

Rufus:  Entschuldigung, es war nicht so gemeint. (Pause) Glaubst du, es ist schwer, einen Mann zu töten?

Gustl:  Das hängt davon ab, ob er es verdient. Ein Feind – nichts leichter als das. Irgendein Lump, der mir mein Menscherl nimmt – kein Problem.

Rufus:  Ich glaube, ich könnte niemanden umbringen. Vor allem nicht, wenn er mich einmal angeschaut hat.

Gustl:  Rufus, du bist ein Dummkopf. Wenn der Feind dich gesehen hat und du tötest ihn nicht, weißt du, was er dann macht? Dann tötet er dich. Er überlegt nicht einmal.

Rufus:  Stimmt das?

Gustl:  Natürlich, da bist du wirklich Krenfleisch.

Rufus:  Das hilft mir jetzt gar nicht. Wenn ich ab jetzt einem Feind begegne, werde ich daran denken, dass ich ihn nicht töten kann, er mich aber.

Gustl:  Rufus, du bist ein Blödist. Wenn du nur das Maul auftust, klingt es wie eine Geschichte, von einem Idioten erzählt. Eine Schande für die k.u.k. Armee, das bist du.

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