(334) Irene Veidt hatte den Schreikurs von Helmi Meissner besucht…

von Alain Fux

Irene Veidt hatte den Schreikurs von Helmi Meissner besucht, um ihrer Sprachlosigkeit einen Ausdruck zu geben. Ihr Vater hatte die Familie verlassen, als sie gerade ihr Abitur machte. Er war einfach weg gewesen. So hatte es ihre Mutter auch ausgedrückt, „einfach nur weg“.

Damals war es für Irene etwas verstörend gewesen, aber nicht sehr. Sie stand am Anfang ihres eigenen Lebens, ihr Vater war nicht mehr wichtig für sie. Erst nachdem ihre Mutter gestorben war, vor zwei Jahren, hatte sie sich gefragt, wo ihr Vater wohl sein möge.

Ein Jahr später hatte Irene auf eigene Faust versucht, ihn zu finden. Sie hatte alte Freunde ihrer Mutter besucht, im Internet recherchiert, ein paar mögliche Meldestellen angeschrieben – es war alles erfolglos geblieben.

Vor drei Monaten hatte sie schließlich einen Privatdetektiv damit beauftragt, ihren Vater zu finden. Das war anscheinend kein seltener Auftrag, denn der Detektiv schien sich nicht zu wundern. Sie schrieb ihm auf, was sie wusste: ‚Meinolf Veidt, geboren 23.4.1945 in Pillau (Ostpreußen), zuletzt gesehen in 1997 in Karlsruhe. Foto von 1987 anbei.‘

Nach drei Wochen hatte der Privatdetektiv Irene eine Adresse in Berlin gegeben, dort würde sie Meinolf Veidt finden. Nach einer Woche war sie mit der Bahn hingefahren. Von außen schien das Haus in der Frankfurter Allee 283 wenig ansprechend. Sie sah verschlissene Vorhänge und ein gesprungenes Fenster. Im Hof stapelte sich Müll neben den Tonnen und im Treppenhaus hing ein Geruch von Urin, gekochtem Kohl und Schimmel.

Vor der Wohnungstür hielt sie einen Augenblick inne. Mit Herzklopfen erblickte sie den mit einer Reißzwecke an der Tür aufgespießten Pappkarton, auf dem in ungelenken Druckbuchstaben ‚Veidt‘ geschrieben war. Sie drückte den Klingelknopf. Drinnen hörte sie Schlurfen, die Tür öffnete sich.

Irene erkannte ihn sofort, trotz der eingefallenen Wangen. Er brauchte einen Augenblick länger, dann wusste er Bescheid und trat einen Schritt rückwärts. Sie blieb genau 59 Minuten, dann ging sie wieder. Er hatte auf keine ihrer Fragen geantwortet, überhaupt hatte er kein Wort an sie gerichtet, sondern nur stumm dagesessen. Die Wohnung war in einem schrecklichen Zustand, es machte sie schwindlig. Zum Schluss schaltete er das Radio ein, sehr laut. Es lief ein Hörspiel nach einer Novelle von Arthur Schnitzler. Sie gab schließlich auf. Wieder draußen, kehrte sie zurück zum Bahnhof, ohne sich ein einziges Mal umzublicken.

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