(333) Helmi Meissner kauerte hinter dem Schlagzeug.

von Alain Fux

Helmi Meissner kauerte hinter dem Schlagzeug. Davor standen die vier Kursteilnehmer, alle Frauen, darunter Josepha Kreuter und Irene Veidt.

„In meiner Therapie“, erklärte er, „ist es wichtig, den Kontrast zwischen Stille und Schrei erstens zu wollen, zweitens zu erlauben und drittens zu genießen. Am Anfang hilft es sehr, eine gewisse Anspannung zu produzieren, um sich dadurch auf den Schrei vorzubereiten. Wenn die Spannung am höchsten ist, switcht man die ganze Energie in den Schrei um und lässt sie von sich gehen. Und während der Schrei entweicht, spürt man ihm nach und erfühlt den tiefen Frieden in der Stille, die darauf folgt. Es ist wie ein befreiender Blitz. Deshalb heißt das auch ‚Action-Meditation‘. Ich demonstriere es einmal.“

Helmi zog sich das T-Shirt über den Kopf und spürte die Augen der vier Frauen zwischen 43 und 61 Jahren auf seinem nackten, muskulösen Oberkörper. Er setzte sich an das Schlagzeug und fing an, unkontrolliert mit den Stöcken auf die Trommeln und Becken einzudreschen. Langsam bildete sich daraus eine Art Rhythmus, dessen Intensität sich kontinuierlich steigerte. Gleichzeitig merkte man, wie in Helmis Oberkörper und Gesicht die Muskeln angespannt wurden. Schweiß trat hervor. Auf einmal hörte er mit dem Trommeln auf, hob beide Arme gegen die Decke und die Trommelstöcke fielen hinter ihm auf den Betonboden. Sein Mund öffnete sich und ein lauter, unartikulierter Schrei drang nach draußen.

Die vier Kursteilnehmerinnen erschraken und hielten sich instinktiv an den Händen. Der Schrei schien nicht mehr aufzuhören, aber man erkannte, wie sich die Anspannung aus Helmis Körper löste und als der Schrei verstummte, lächelte er schließlich. Er schien matt, aber glücklich.

Die vier Teilnehmerinnen applaudierten. Eine Teilnehmerin rief „Bravo“, die andere wandte sich flüsternd zu Josepha: „Gell, er ist doch wirklich ein Tier, nicht?“

Josepha sah skeptisch aus und Irene Veidt schien mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein. Helmi stand auf, ergriff das Frotteehandtuch, das hinter ihm über der Heizung hing und wischte sich den Schweiß von Gesicht und Brust.

„Na“, fragte er strahlend, „wie war ich?“

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