(332) Während die französische Reiseführerin die Geschichte der Fondation Maeght erläuterte…

von Alain Fux

Während die französische Reiseführerin die Geschichte der Fondation Maeght erläuterte, ließ sich Josepha Kreuter etwas zurückfallen. Sie hatte sich von der Reise mehr erhofft, musste aber feststellen, dass es den meisten Teilnehmern der Gruppe sehr an Spritzigkeit mangelte. Die Reiseleitung im Bus hatte sie nur ergriffen, um sich zu beschäftigen.

Nach der unangenehmen Scheidung vor fast zwei Jahren fühlte sie sich bereit für etwas Neues. Kleine Abenteuer waren dabei auch in Ordnung (Kay, den Busfahrer, zum Beispiel, fand sie ganz süß). Aber sie wollte auch wieder eine feste Beziehung. Die paar Singlemänner, die sich für die Reise angemeldet hatten, waren zwar allesamt recht wohlhabend, aber unerträglich langweilig. Sie war jetzt 53 Jahre alt und spürte in sich eine Energie vergleichbar mit der, die sie als 20-Jährige gehabt hatte. Sie hatte daran gedacht, ein Studium anzufangen, was ihr damals nicht möglich gewesen war. Probeweise hatte sie ein paar Vorlesungen besucht, aber schnell herausgefunden, dass sie keine Lust darauf hatte, in Hörsälen zu versauern.

Es war ihr, als ob sie ihre Bestimmung im Leben noch nicht gefunden hatte. Sie musste einfach nur genug unternehmen, und dann würde sie es auch entdecken, was sie glücklich machen würde. Einen Mann zu haben, wäre natürlich ganz nett, aber es sollte auch nicht ihr einziges Ziel sein.

Frau Kreuter war der Gruppe gefolgt und stand jetzt vor sechs Statuen von Giacometti, die an der Seite eines Hofes vor einer roten Ziegelmauer standen. Sie fühlte sich von der Ruhe, die von den ausgezehrten Körpern ausging wie magisch angezogen. Die Reisegruppe wälzte sich weiter durch das Museum, Frau Kreuter blieb zurück. Besonders die linke der beiden kleineren Figuren in der Mitte hatte es ihr angetan und sie erkannte sich in ihr wieder: den etwas fülligen Busen, die breiten Hüften und die Körperhaltung, gleichzeitig stark, neugierig aber auch schwach, erduldend. Das war es genau, wie sie sich auch fühlte. Sie war noch nicht am Ende, vielleicht stand ihr ein Neubeginn bevor. Das allein war die Reise wert.

Sie beschloss auch, dass dies der letzte Ausflug mit den Rotariern gewesen war. Dafür war sie einfach noch zu jung. Sie musste eigene Wege gehen.

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