(331) Kay Nussbeck öffnete die Türen seines Busses.

von Alain Fux

Kay Nussbeck öffnete die Türen seines Busses. Die ersten Mitreisenden (deutscher Rotary Club) standen bereits davor. Die anderen kamen die Treppe vom Hôtel de Paris herunter. Einige der Männer schauten sich noch den Ferrari Testarossa an, der vor dem Bus parkte.

Frau Kreuter, eine rassige Mittfünfzigerin mit rasselndem Goldschmuck am Handgelenk, war auch schon da und begrüßte ihn überschwänglich. Sie setzte sich, wie an jedem Tag, ganz vorn rechts und würde ihm auch heute ständig Blicke zuwerfen.

Kay wohnte außerhalb von Monaco, aber die meisten Touren, für die ihn sein Chef einteilte, betrafen deutsche Touristen, die in Monaco übernachteten.

Die Busgesellschaft war nun vollzählig und Frau Kreuter nahm das Mikrofon. Sie begrüßte alle, hoffte, dass sie eine gute Nacht verbracht hatten und noch etwas Geld aus dem Spielcasino retten konnten. Heute waren sie nach St. Paul de Vence unterwegs, eine Fahrt von etwa 45 Minuten. Zuerst in das Museum für Zeitgenössische Kunst, die Fondation Maeght, dann ein Spaziergang durch die Stadt selbst. Als sie von den Prominenten erzählte, die dort gelebt hatten (von Marc Chagall bis Curd Jürgens), bog Kay bereits scharf links ab in den Boulevard de la Princesse Charlotte. Durch das Schaukeln geriet Frau Kreuter etwas aus dem Gleichgewicht und hielt sich an seiner Schulter fest. Er spürte den Druck ihrer Finger und überlegte sich, ob er sie am Abend in ihrem Hotelzimmer besuchen sollte. Sie würde es bestimmt zu schätzen wissen.

Kay steuerte den Bus weiter den Berg hoch, vorbei am Jardin Exotique, auf den Frau Kreuter ebenfalls einging.

Das Busfahren hatte Kay bei der Bundeswehr gelernt und als er vor Jahren in Nice gestrandet war, war es die einzige Möglichkeit für ihn gewesen, Geld zu verdienen. Damals lag er noch im Streit mit seinem Vater und tat alles, um den alten Herrn zu provozieren. Kay hatte sich gut eingelebt und mittlerweile hatte ihm auch sein Vater verziehen, dass er nicht Ingenieur geworden war, wie er selbst. Wenn er nicht gerade Touristen herumfuhr, machte Kay das gleiche wie auch vorher in seinem Leben: er hörte Musik, las ein Buch, rauchte einen Joint, trank einen Pastis in der Dorfkneipe. Für ihn konnte es immer so weitergehen.

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