(327) Dobby Nussbeck schob seine Brille zur Nasenwurzel hoch…

von Alain Fux

Dobby Nussbeck schob seine Brille zur Nasenwurzel hoch und blickte auf die kurze Liste auf dem Zettel in seiner Hand: ‚Blumen. Vase. Kalender. Schal. Parfüm. ?.‘ Eigentlich war nichts dabei, was ihm als Geschenk zum Muttertag ausreichend erschien. In der Schule hatten sie darüber diskutiert und die Lehrerin hatte gemeint, dass dies für Mütter ein ganz wichtiger Tag sei und für Kinder die beste Gelegenheit, um ihre Dankbarkeit für alles auszudrücken. Die Klasse sollte sagen, was für sie ‚Alles‘ bedeutete und die Lehrerin schrieb alle Zurufe in einer Liste an die Tafel: ‚Immer da sein. Bei Krankheiten pflegen. Essen kochen. Saubermachen. Wunden verbinden.‘ Das leuchtete Dobby ein, aber er wusste nicht, was denn ausreichend sein könnte, um seine Dankbarkeit dafür auszudrücken. Dazu hatte es keine Hinweise von der Lehrerin gegeben.

Dobby starrte ins Fenster des Blumenladens, vor dem er stand. Wäre eine Blume von hier ein ausreichender Beweis? Die abgeschnittenen Pflanzen sahen für ihn nicht anders aus als das Unkraut in der Brache hinter dem Haus. Außerdem schimpfte seine Mutter jedes Mal, wenn die Blumen verwelkten. Es war ihm auch nicht klar, warum sie überhaupt Blumen kaufte, denn mittlerweile müsste sie doch wissen, dass sie immer verwelkten.

Er ging weiter. Am Briefkasten an der Ecke sah er einen Mann und eine Frau, die Postkarten in den Schlitz warfen. Sie sahen fremd aus, wie die Schauspieler in den Karatefilmen, die sein Vater anschaute und die er nicht mochte. Einen Film könnte er seiner Mutter schenken. Aber was für einen? Und würde sie darin seine Dankbarkeit erkennen? Er betrachtete wieder seine Liste. Eine Vase ohne Blumen schien nicht richtig. Kalender hatte sie mehr als genug. Ein Schal war im Sommer nutzlos. Und das Parfüm seiner Mutter, das hatte er herausgefunden, war einfach viel zu teuer für ihn. Als er noch im Kindergarten war, hatte er ihr etwas Selbstgebasteltes geschenkt. Das war aber jetzt nicht mehr möglich, weil die Ansprüche an seine Dankbarkeit gestiegen waren. Die geklebten Pappfiguren waren ihm auch heute peinlich. Warum konnte er nicht einfach ‚Danke‘ sagen? Aber die Lehrerin hatte von einem Geschenk gesprochen, also einer Sache.

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