(325) Jetzt komm doch, Löwe, etwas schneller bitte.

von Alain Fux

„Jetzt komm doch, Löwe, etwas schneller bitte.“ Nach den Freiübungen auf der Lichtung im Park (Knie- und Rumpfbeugen sowie Liegestütze) hatten Bender und sein Sohn planmäßig den Ausdauerlauf begonnen. Bender fand, dass Francis sich nicht genug Mühe gab und das Engagement seines Vaters nicht ausreichend schätzte.

Gestern hatte Francis wieder mit den Pferden angefangen. Bender hatte ihn daraufhin einfach ins Bett geschickt. Der Junge musste endlich verstehen, was gut für ihn war. Bender drehte sich um und bedeutete Francis mit rudernden Armen, dass er sich beeilen sollte.

Als sie an der großen Blumenwiese vorbeiliefen, bemerkte Bender einen Asiaten, der vor einer auf einem Stativ befestigten Fotokamera stand und zu den Blumen hinunterschaute. „Ha“, sagte er sich, „jetzt wollen sie schon unsere Blumen kopieren. Kommen hierher, machen Fotos davon und bald kann man das Zeug nur noch für teures Geld aus Asien importieren.“ Er legte einen Zwischensprint ein bis zum Ende der Wiese, um Francis nochmal dazu zu motivieren, schneller zu laufen.

Tateki Sakurada war verzückt. Auf dieser Wiese hatte er völlig unverhofft eine Anacamptis pyramidalis entdeckt. Das war eine seltene europäische Orchideenart, die er bisher nur aus Büchern kannte. Die Orte ihres Vorkommens wechselten von Jahr zu Jahr, deshalb war es auch nicht leicht, sie zu finden. Ihre kleinen dunkel-purpurroten Blüten türmten sich zu einer Pyramide auf, an deren Spitze noch ungeöffnete Knospen saßen. Warum diese schöne Blume auf Deutsch nur Hundewurz hieß, konnte Sakurada nicht vertehen. Er verkürzte das Stativ und kniete hinter der Kamera nieder. Im Makromodus fokussierte er auf einzelne Blüten und versuchte sowohl die Narben als auch die Pollinien gleichzeitig abzubilden. Sakurada war ganz aufgeregt von seiner Entdeckung, für die allein sich seine Reise fast gelohnt hätte.

Europäische Blumen waren sein Hobby und Sakurada reiste jedes Jahr dorthin, um Blumen zu entdecken und abzubilden. Seine Kollegen in Tokyo machten sich nach seiner Rückkehr jedes Mal einen Spaß und zeigten ihm Fotos von Sehenswürdigkeiten, die er an seinem Urlaubsort bestimmt nicht gesehen hatte, wie zum Beispiel den Eiffelturm nach seiner Parisreise. Sie hatten Recht, denn in Paris hatte er seine ganze Urlaubszeit tatsächlich im Jardin botanique verbracht.

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