(312) Detlev Spinell betrachtete sich im Spiegel.

von Alain Fux

Detlev Spinell betrachtete sich im Spiegel. Er war frisch gebadet, seine Haare und sein Schnurrbart waren perfekt frisiert. Auf der Stirn hatte er eine schmale, runde Locke drapiert. Er sah hinreißend aus, fand er. Die Frau, auf die er sich seit Tagen konzentrierte, würde ihm heute nicht widerstehen könnte. Er tippte auf Industriellenwitwe, reich, sehr hässlich, mit einer enorm großen Nase. Er hatte sich mit Orfea Larga zum Rudern auf dem See hinter dem Kurhaus verabredet.

Er stand in der Lobby ihres Hotels. Natürlich musste er auf sie warten. Er bemerkte, wie gerade ein dicker Mann in tiefhängenden Jeans, Sweatshirt und Baseballkappe eincheckte. Man hätte ihn für ein Straßenkid auf Steroiden halten können, wären da nicht die vielen Vuitton-Koffer gewesen, die drei Pagen nacheinander hereintrugen.

Spinell hingegen reiste prinzipiell mit sehr leichtem Gepäck, da es öfters vorkam, dass er schnell die Flucht ergreifen musste.

Als Orfea später mit ihm im Ruderboot saß, betrachtete sie ihn eingehend. Das Jackett hatte er abgelegt und er saß in Weste und Hut vor ihr, die Riemen in den Händen. Er verstand es sehr gut zu rudern, schien ihr aber etwas schwächlich. Bankier und Erbe, schätzte sie. Wahrscheinlich der verwöhnte Sohn eines alten Patriarchen, der sein Leben mit Müßiggang befüllte, weil sein Vater ihn nicht arbeiten ließ. Irgendwann würde der Alte am Schreibtisch sitzend den Löffel abgegeben und der Sohn würde die Bank erben. Natürlich würde er sie herabwirtschaften. Aber vorher könnte es für Orfea sehr lohnend sein.

Sie zwinkerte ihm zu. Er entblößte seine Lippen und zeigte vollständige, wenn auch vergilbte Zahnleisten. Beide dachten in dem Augenblick das Gleiche: ‚Es ist alles auf dem richtigen Weg…“

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