Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Januar, 2016

(342) Es war angenehm warm und nichts schien Gewicht zu haben.

Es war angenehm warm und nichts schien Gewicht zu haben. Es war, als ob er über allem schwebte. Aus seinem Mund flog der Tabakball heraus und drehte sich im Sonnenlicht wie in Zeitlupe um sich selbst. Weit weg flog er. Als Nils den Kopf drehte, um zu sehen, wie weit er fliegen würde, blickte er einer wunderschönen schwarzhaarigen Frau in die blauen Augen.

„Gonda“, stammelte er, „du bist hier! Ich wusste gar nicht, dass es dich wirklich gibt. Ich kenne dich nur aus meinen Träumen.“

Gonda lächelte ihn an. Er richtete sich auf und sie bettete seinen Kopf auf ihre Oberschenkel. Er erkannte, dass sie sich in einem hellen Zimmer befanden, durch dessen geöffnete Balkontür er zwischen den wehenden durchsichtigen Vorhangbahnen das blaue Meer sehen konnte.

Gonda hob seinen Kopf und ließ ihn aus einem schweren Kristallkelch 30 Jahre alten Glenfiddich trinken. Der Whisky schmeckte besser als alles andere, was Nils jemals zu Lebzeiten getrunken hatte. Er wollte es ihr sagen, aber er merkte, dass sie seine Gedanken spüren konnte, ohne dass er sie äußern musste. ‚Ich bin im Paradies‘, dachte er, „jetzt geht das Abenteuer auf einem völlig neuen Level weiter.“

Plötzlich war es, als ob vom Meer her ein ganzer Schwarm von Raben angeflogen kam. Der Himmel und auch das Meer verdunkelten sich. Ein wuchtiger Windstoß zerrte an den Vorhängen und riss sie aus den Halterungen. Angstvoll versuchte er, Gondas Blick zu finden, aber ihre Augenhöhlen schienen zugewachsen und fielen ein, während er sie anschaute. Vor seinen Augen schien sie sich aufzulösen. Wie trockner Sand aus einem angestochenen Sack rieselte sie auf ihn herab und wurde dann vom Wind in alle Richtungen verweht. Dann gab es plötzlich gar nichts mehr. Er wollte gerade denken, dass es plötzlich nichts mehr gab, als sein Gedanke mittendrin abbrach. Es gab keinen anderen Gedanken mehr. Nils war tot.

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(341) Hannah blickte Jan verstört an.

Hannah blickte Jan verstört an: „Was ist los mit dir? So kenne ich dich nicht. Was hat Nils getan?“ Frieder, ihr Vater, stand hinter ihr und sah aus, als ob er seinen künftigen Schwiegersohn auch gleich schlagen wollte.

Jan war in einer Menschentraube eingekesselt und atmete schnell. Er schaute von einem zum anderen und wusste nicht, was er sagen sollte. Es schien gerade alles aus dem Ruder zu laufen. Jan hoffte, dass es alles nur ein Traum war und er bald im eigenen Bett aufwachen würde.

Plötzlich hatte er eine Vision. Vor seinem inneren Auge sah er sein Auto, einen 1973er Chevrolet Caprice Cabrio. Den Oldtimer hatte er sich von einer USA-Reise mitgebracht. Jan erinnerte sich jetzt daran, wie er zusammen mit Nils und unter dessen Anleitung den Wagen auf den Strand gesteuert hatte. Dann erinnerte er sich daran, wie er mit vielen alten Freunden, zu denen er seit langem keinen Kontakt mehr gehabt hatte, an einem Lagerfeuer am Strand saß. Nils hatte alle herbestellt und den Abend organisiert. Jan erinnerte sich auch daran, dass ihn das Wiedersehen sehr gefreut hatte. Eine Flasche Schnaps machte die Runde, Joints auch. Pillen, dachte er, es gab auch Pillen. Dann war die Erinnerung weg.

Was Jan sehr beunruhigte, war, dass er sich nicht daran erinnern konnte, das Auto auch wieder vom Strand weggefahren zu haben. Er konnte sich auch nicht vorstellen, dass einer der anderen Teilnehmer dazu in der Lage gewesen sein konnte. Das hieße, dass der Wagen auch beim Einsetzen der Flut noch dort stehen geblieben war. Ihm lief es kalt und heiß den Rücken herunter bis in die blau eingefärbte Poritze.

Jan drängte sich aus dem Menschenkreis heraus und trat zu Nils, der immer noch auf der Erde lag. Er beugte sich über seinen Freund und schüttelte ihn. Er reagierte nicht. Jan fiel die blaue Gesichtsfarbe von Nils auf. Er schüttelte fester, aber Nils konnte sich nicht rühren, denn er war tot.

Wie die Obduktion später ergeben sollte, hatte Jan Nils bewusstlos geschlagen. Dabei war der Tabakklumpen in die Luftröhre gerutscht und daran war Nils erstickt.

(340) Die Hochzeit von Jan Kaufmann und Hannah Munk war für 10 Uhr angesetzt.

Die Hochzeit von Jan Kaufmann und Hannah Munk war für 10 Uhr angesetzt. Eine Viertelstunde davor waren die meisten geladenen Gäste vor dem Standesamt versammelt. Nur der Bräutigam fehlte noch.

Hannah stand abseits und versuchte, Jan per Mobiltelefon zu erreichen. Frieder, ihr Vater, sah sie mit düsterem Blick an. Ein Wagen fuhr vor. Hannahs Miene erhellte sich. Sie lief zu dem Wagen, war aber enttäuscht, als Nils allein darin saß. Nils stieg aus. „Wo ist Jan?“ Nils zuckte die Schultern. „Ich habe ihn gegen zwei Uhr zuhause abgeliefert. Er war nicht mehr ganz frisch, aber kein Grund, zu spät zu der eigenen Hochzeit zu kommen. Hast du ihn angerufen?“ Hannah ging wieder zurück zu ihrem Vater. Nils nahm die Dose mit dem Tabak heraus und schob sich eine Prise hinter die Lippe.

Hannahs Freundinnen hatten sich um die Braut geschart und versuchten, sie zu beruhigen. Tränen standen Hannah in den Augen. Ihr Vater hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt und blickte jetzt sehr finster drein.

Jan sah Hannah von weitem, als er dem Taxifahrer zeigte, wo er hinfahren sollte. Er war außer sich vor Wut und das schon seit eineinhalb Stunden. Er war mit einem fürchterlichen Kater und komplett angezogen auf seinem Bett erwacht. Er stellte fest, dass er sich auf sein Kopfkissen erbrochen und dann im Schlaf darin herumgewälzt hatte. Dann ging er ins Bad und wollte pinkeln. Dabei stellte er fest, dass sein Penis, seine Hoden, die Hüften und die Oberschenkel mit blauer Stempelfarbe eingefärbt waren. „Nils!“ Er war geschockt. Nach erfolglosen Reinigungsversuchen hatte er sich geduscht, angezogen und dabei festgestellt, dass sein Mobiltelefon und seine Autoschlüssel fehlten. Im Übrigen hatte er keine Ahnung, wo sein Auto geblieben war.

Jan war auf die Straße gelaufen und hatte ein Taxi zum Standesamt genommen. Als er ankam, sprang er aus dem Wagen und lief geradewegs auf Nils zu, der ihm genüsslich grinsend entgegensah. Jan streckte ihn mit einem Kinnhaken nieder.

(339) Nils Behrens, ein junger Mann mit etwas längeren blonden Haaren…

Nils Behrens, ein junger Mann mit etwas längeren blonden Haaren sah gehetzt aus und lief nervös auf und ab in einem Zimmer. Er trat zum Fenster und starrte hinaus. Dann kehrte er zurück zum Tisch, blickte auf eine aufgeschlagene Tageszeitung. Er las kurz und blätterte ein Mal.

Nils bewegte sich anschließend zum Sofa. Er hob die darauf abgelegte Lederjacke hoch und zog ein Päckchen Zigaretten heraus. Er wollte eine Zigarette herausziehen, hielt aber inne und steckte sie wieder zurück. Er zerknüllte das Päckchen und warf es auf den Boden. Dann griff er in eine andere Tasche der Lederjacke und nahm eine kleine Dose mit Smokeless Tobacco heraus. Er öffnete sie und nahm eine Prise zwischen die Finger, drückte sie zusammen und klemmte den Klumpen hinter die Oberlippe.

Nach kurzer Zeit entspannten sich Nils‘ Gesichtszüge. Durch den Tabak wurde sein Speichelfluss angeregt. Nach ein paar Minuten ging er in das Badezimmer, um braune Tabakspucke in das Waschbecken zu speien. Er nahm sein Zahnputzglas und kehrte in das Wohnzimmer zurück. Er setzte sich an den Tisch und las weiter in der Zeitung. In regelmäßigen Abständen ließ er seine überflüssige Spucke in das Glas ab. Nach kurzer Zeit schaute er auf die Uhr und dann auf die braune Brühe im Glas. Er war angeekelt und hatte den Eindruck, sich übergeben zu müssen. Er stürzte ins Bad und spuckte den Tabakklumpen ins Klo, leerte das Glas hinterher und wusch es aus.

Im Wohnzimmer nahm Nils das zerknüllte Päckchen Zigaretten wieder auf und klaubte davon die heraus, die am wenigsten zerstört schien. Er zündete sie an, als es klingelte. Er öffnete die Tür und ließ Jan Kaufmann herein. Jan war sein bester Freund, sie kannten sich bereit seit der Grundschule. Jan war intelligenter gewesen als Nils, hatte studiert und arbeitete jetzt als Anwalt. Nils hingegen hatte das Abitur nicht geschafft und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Dennoch waren sie über die Jahre in Kontakt geblieben. Nils gab Jan das Gefühl, trotz Studium und Anwaltsjob im Grunde derselbe geblieben zu sein. Jan war für Nils ein Beweis, dass er nicht vollends den Anschluss zur Gesellschaft verloren hatte.

Heute trafen sich die beiden, weil Jan am nächsten Tag heiratete und Nils für ihn einen Junggesellenausstand organisiert hatte. Viele Überraschungen und gemeinsame Freunde aus alten Zeiten waren eingeplant.

(338) Eine Alleestraße mit renovierten Mietwohnhäusern, gehobener Altbau.

Eine Alleestraße mit renovierten Mietwohnhäusern, gehobener Altbau. Es war Herbst, die Bäume hatten sich mehrheitlich gelb und braun verfärbt. Ein nett hergerichtetes Mietshaus mit Balkonen, auf denen Kinderroller und Pflanzen standen.

Die Haustür öffnete sich und eine junge Frau in herbstlichem, modischem Outfit trat auf die Straße. Alles an ihr sah völlig normal aus, außer, dass sie sich einen Nylonstrumpf über dem Kopf gezogen hatte. Man konnte dahinter erkennen, dass sie ein sehr schönes Gesicht hatte.

Sie ging fröhlich und beschwingt die Straße hinunter. An der Ecke traf sie auf eine andere Frau, die ähnlich angezogen war, ebenfalls mit einem Nylonstrumpf über dem Kopf. Die beiden grüßten sich mit Gang-Handzeichen und gingen gemeinsam weiter. Nach und nach kamen drei weitere Frauen zusammen, so dass am Ende fünf Frauen, alle mit Nylonstrümpfen über dem Kopf, nebeneinander gingen.

Sie kamen zu einer großen Bankfiliale. Bevor sie gemeinsam hineingingen, holten sie unter ihren modischen Herbstmänteln Pumpguns heraus.

Jetzt der Eintritt in die Schalterhalle in Zeitlupe. Je zwei Frauen sprangen herein und sicherten den Raum rechts und links der Eingangstür. Ein Kunde, der an einem Stehtisch ein Formular ausfüllte, wurde zu Boden gerissen. Die zwei nächsten Frauen gingen weiter in die Schalterhalle hinein und hielten zwei weitere Kunden sowie einen Schalterbeamten in Schach.

Die fünfte Frau, die vom Anfang, ging bis ganz durch an den Tresen und hielt einem älteren, verdattert aussehenden Bankangestellten ihre Pumpgun unter die Nase: „Wir wollen Geld, alles, besonders die großen Scheine!“ Der Angestellte schaute sie an und lächelte dann. Er sagte: „Aber meine Damen. Wir haben doch jetzt die supergünstigen Dispokredite. Sie brauchen keine Banken mehr zu überfallen. Es ist doch jetzt noch viel einfacher.“ Die Frauen sahen sich an, rissen sich wie auf Kommando die Strumpfmasken vom Kopf und stürzten sich auf den Bankangestellten, um ihn zu küssen. Versehentlich drückte dabei eine der Frauen auf den Abzug – und es kam eine Flamme aus der Mündung. Die Pumpgun war nur ein Feuerzeug gewesen. Sie lächelte den Angestellten an, zuckte mit den Schultern, als ob es ihr peinlich sei. „Danke“, hauchte sie.

(337) Es ist vollbracht, Fräulein Becker.

„Es ist vollbracht, Fräulein Becker“, sprach der Colonel und hielt den Hähnchenschenkel in der ausgestreckten Hand triumphierend in die Höhe. Pamela Becker, eine junge Frau, sah erstaunt und zugleich erfreut aus. „Vielen Dank, Colonel, dass Sie mich in Ihre Küche eingeladen haben. Aber glauben Sie wirklich, dass Ihr Hähnchen besser schmeckt als das meiner Mutter?“ – „Mein liebes Fräulein, es wird das beste Hähnchen sein, dass Sie je in Ihrem Leben gegessen haben.“

Die knusprige Panade auf dem Fleisch war in der Tat verführerisch. Der Colonel hielt ihr den Schenkel vor die Lippen, ein kleines Dunstwölkchen entwich daraus. Sie schnupperte daran, öffnete ihren Mund und biss mit ihren perfekten weißen Zähnen mitten hinein. Als sie abgebissen hatte und mit Kauen begann, weiteten sich ihre Pupillen. Sie gab ein langgezogenes „Mmmmmh“ von sich. Ihre Augen wurden etwas glasig.

Colonel Samuel Goodman beobachtete mit Spannung, aber auch Freude, wie sie das Fleisch kaute. Seine Hand hatte er abgewischt an der weißen Schürze, die er trug. Pamela Becker schluckte den letzten Bissen hinunter und meinte dann: „Das war deliziös. Ich habe wirklich noch nie derart gutes Hähnchenfleisch gegessen. Colonel, wie machen Sie das nur?“

Der Colonel grinste und antwortete: „Es liegt alles in den Zutaten, mein liebes Fräulein. Viele fein aufeinander abgestimmte Gewürze und die feinsten und frischesten Kräuter – all das ist das Geheimnis meines Hähnchenfleischs. Daran habe ich jahrelang gearbeitet. Nur für diesen Augenblick.“

Pamela küsste den Colonel auf die Stirn und verkündete: „Colonel Goodman, für mich sind Sie der beste Hähnchenkoch der Welt. Wenn es einen Nobelpreis für Hähnchenbraten gäbe, dann könnte er nur für Sie sein.“ Der Colonel schien geschmeichelt: „Vielen Dank, mein liebes Fräulein. Und denken Sie daran, auch bei Ihnen Zuhause können Sie meine herrlichen Hähnchenschenkel genießen. Ich lade Sie herzlichst dazu ein, dass Sie mich in einem meiner 251 Restaurants weltweit besuchen. Eines davon ist ganz bestimmt in Ihrer Nähe.“ Der Colonel und Pamela Becker winkten.

(336) Der Kopf aus Pappmaché war zwei Meter hoch, wie geplant.

Der Kopf aus Pappmaché war zwei Meter hoch, wie geplant. Es war ein Männerkopf mit braunem nach hinten gebürstetem Haar. Die Haare waren natürlich aufgemalt. Der Mund war weit aufgerissen, so weit, dass Rufus seinen eigenen Kopf hineinstecken konnte.

Er schaffte es nicht, den Mechanismus im Innern so einzustellen, dass die Bälle, die man der Figur in den Rachen warf, nach unten fielen und von dort wieder nach außen in einen Korb geleitet wurden. Nach jedem zweiten Ball kam die Mechanik ins Stocken. Im Innern der Figur hatte Rufus eine Glühbirne aufgehängt und durch ein kleines Loch an der Unterseite des Kinns konnte er Einstellungen am Ablauf durchführen.

Den Kopf hatte er angefertigt im Auftrag eines Faschingsvereines, der damit seine Mitglieder belustigen wollte. Für Rufus entsprach es nicht der Art Arbeit, die er eigentlich machen wollte. Allerdings war der zweite Vorsitzende des Faschingsvereins gleichzeitig Direktor am Volkstheater und dadurch erhoffte sich Rufus eine wohlwollende Beachtung beim nächsten Mal, wenn er sein Portfolio im Theater präsentierte. Bislang hatte man seine Entwürfe jedes Mal abgelehnt. Seit seiner Entlassung aus der Armee hatte er versucht, als Künstler Fuß zu fassen. Bisher konnte er keine Erfolge aufweisen.

Er zog den Kopf aus der Figur und ging drei Schritte zurück. Vom Boden hob er drei rote Gummibälle auf. Er warf einen Ball hinein und horchte auf die Antwort der Mechanik, dann warf er einen zweiten Ball nach. Danach ertönte im Innern der Figur ein röchelnder Ton, als ob der Kopf sich erbrechen wollte. Es geschah aber sonst nichts.

Rufus näherte sich der Figur und steckte den Kopf wieder hinein. Dann bemerkte er, dass ein Zahnrad durch einen zerknüllten Papierstreifen blockiert wurde. Vorsichtig befreite er das Zahnrad und sah mit großer Zufriedenheit, wie es sich drehte und den ersten Ball, den er hineingeworfen hatte, über eine schneckenförmige Schiene nach unten beförderte.

Der Bühnenbildner zog den Kopf wieder heraus – der Ball lag im Korb. Er startete noch einen Versuch, dieses Mal kamen alle drei Bälle wieder an der Seite aus dem Kopf heraus. „Hurra“, schrie Rufus, „es ist vollbracht.“

(335) Gustl: Zapfenstreich eben.

Gustl:  Zapfenstreich eben.

Rufus:  Bin noch nicht müde.

Gustl:  Ich auch nicht. (Pause) Was würdest du tun, wenn du nicht hier auf der Kadettenschule wärst?

Rufus:  Theatermaler wäre ich gerne geworden. Mein Vater wollte nicht. Und du?

Gustl:  Nichts anderes, ich wollte immer schon Offizier werden. Um meinem Land zu dienen.

Rufus:  Das ist auch mir sehr wichtig. Aber hier, so weit entfernt von der Heimat… Es ist schwer… Warum soll ich etwas verteidigen, wenn ich es nicht mehr habe?

Gustl:  Nanana, du klingst ja wie ein Anarchist. Gar nicht gut. Ich werde dich noch melden müssen.

Rufus:  Nein, so ist es nicht. Ich sehne mich nur nach meiner Familie. Meine Eltern, mein Bruder…

Gustl:  Ich habe nur eine Schwester. Was macht dein Vater?

Rufus:  Tot, Lungenentzündung, lang ist’s her. Deiner?

Gustl:  Pensionierter Beamter. Kränkelt.

Rufus:  Mutter und Schwester werden versorgt sein.

Gustl:  Du, komm mir nicht mit diesen Frechheiten! Dich hau‘ ich zu Krenfleisch!

Rufus:  Entschuldigung, es war nicht so gemeint. (Pause) Glaubst du, es ist schwer, einen Mann zu töten?

Gustl:  Das hängt davon ab, ob er es verdient. Ein Feind – nichts leichter als das. Irgendein Lump, der mir mein Menscherl nimmt – kein Problem.

Rufus:  Ich glaube, ich könnte niemanden umbringen. Vor allem nicht, wenn er mich einmal angeschaut hat.

Gustl:  Rufus, du bist ein Dummkopf. Wenn der Feind dich gesehen hat und du tötest ihn nicht, weißt du, was er dann macht? Dann tötet er dich. Er überlegt nicht einmal.

Rufus:  Stimmt das?

Gustl:  Natürlich, da bist du wirklich Krenfleisch.

Rufus:  Das hilft mir jetzt gar nicht. Wenn ich ab jetzt einem Feind begegne, werde ich daran denken, dass ich ihn nicht töten kann, er mich aber.

Gustl:  Rufus, du bist ein Blödist. Wenn du nur das Maul auftust, klingt es wie eine Geschichte, von einem Idioten erzählt. Eine Schande für die k.u.k. Armee, das bist du.

(334) Irene Veidt hatte den Schreikurs von Helmi Meissner besucht…

Irene Veidt hatte den Schreikurs von Helmi Meissner besucht, um ihrer Sprachlosigkeit einen Ausdruck zu geben. Ihr Vater hatte die Familie verlassen, als sie gerade ihr Abitur machte. Er war einfach weg gewesen. So hatte es ihre Mutter auch ausgedrückt, „einfach nur weg“.

Damals war es für Irene etwas verstörend gewesen, aber nicht sehr. Sie stand am Anfang ihres eigenen Lebens, ihr Vater war nicht mehr wichtig für sie. Erst nachdem ihre Mutter gestorben war, vor zwei Jahren, hatte sie sich gefragt, wo ihr Vater wohl sein möge.

Ein Jahr später hatte Irene auf eigene Faust versucht, ihn zu finden. Sie hatte alte Freunde ihrer Mutter besucht, im Internet recherchiert, ein paar mögliche Meldestellen angeschrieben – es war alles erfolglos geblieben.

Vor drei Monaten hatte sie schließlich einen Privatdetektiv damit beauftragt, ihren Vater zu finden. Das war anscheinend kein seltener Auftrag, denn der Detektiv schien sich nicht zu wundern. Sie schrieb ihm auf, was sie wusste: ‚Meinolf Veidt, geboren 23.4.1945 in Pillau (Ostpreußen), zuletzt gesehen in 1997 in Karlsruhe. Foto von 1987 anbei.‘

Nach drei Wochen hatte der Privatdetektiv Irene eine Adresse in Berlin gegeben, dort würde sie Meinolf Veidt finden. Nach einer Woche war sie mit der Bahn hingefahren. Von außen schien das Haus in der Frankfurter Allee 283 wenig ansprechend. Sie sah verschlissene Vorhänge und ein gesprungenes Fenster. Im Hof stapelte sich Müll neben den Tonnen und im Treppenhaus hing ein Geruch von Urin, gekochtem Kohl und Schimmel.

Vor der Wohnungstür hielt sie einen Augenblick inne. Mit Herzklopfen erblickte sie den mit einer Reißzwecke an der Tür aufgespießten Pappkarton, auf dem in ungelenken Druckbuchstaben ‚Veidt‘ geschrieben war. Sie drückte den Klingelknopf. Drinnen hörte sie Schlurfen, die Tür öffnete sich.

Irene erkannte ihn sofort, trotz der eingefallenen Wangen. Er brauchte einen Augenblick länger, dann wusste er Bescheid und trat einen Schritt rückwärts. Sie blieb genau 59 Minuten, dann ging sie wieder. Er hatte auf keine ihrer Fragen geantwortet, überhaupt hatte er kein Wort an sie gerichtet, sondern nur stumm dagesessen. Die Wohnung war in einem schrecklichen Zustand, es machte sie schwindlig. Zum Schluss schaltete er das Radio ein, sehr laut. Es lief ein Hörspiel nach einer Novelle von Arthur Schnitzler. Sie gab schließlich auf. Wieder draußen, kehrte sie zurück zum Bahnhof, ohne sich ein einziges Mal umzublicken.

(333) Helmi Meissner kauerte hinter dem Schlagzeug.

Helmi Meissner kauerte hinter dem Schlagzeug. Davor standen die vier Kursteilnehmer, alle Frauen, darunter Josepha Kreuter und Irene Veidt.

„In meiner Therapie“, erklärte er, „ist es wichtig, den Kontrast zwischen Stille und Schrei erstens zu wollen, zweitens zu erlauben und drittens zu genießen. Am Anfang hilft es sehr, eine gewisse Anspannung zu produzieren, um sich dadurch auf den Schrei vorzubereiten. Wenn die Spannung am höchsten ist, switcht man die ganze Energie in den Schrei um und lässt sie von sich gehen. Und während der Schrei entweicht, spürt man ihm nach und erfühlt den tiefen Frieden in der Stille, die darauf folgt. Es ist wie ein befreiender Blitz. Deshalb heißt das auch ‚Action-Meditation‘. Ich demonstriere es einmal.“

Helmi zog sich das T-Shirt über den Kopf und spürte die Augen der vier Frauen zwischen 43 und 61 Jahren auf seinem nackten, muskulösen Oberkörper. Er setzte sich an das Schlagzeug und fing an, unkontrolliert mit den Stöcken auf die Trommeln und Becken einzudreschen. Langsam bildete sich daraus eine Art Rhythmus, dessen Intensität sich kontinuierlich steigerte. Gleichzeitig merkte man, wie in Helmis Oberkörper und Gesicht die Muskeln angespannt wurden. Schweiß trat hervor. Auf einmal hörte er mit dem Trommeln auf, hob beide Arme gegen die Decke und die Trommelstöcke fielen hinter ihm auf den Betonboden. Sein Mund öffnete sich und ein lauter, unartikulierter Schrei drang nach draußen.

Die vier Kursteilnehmerinnen erschraken und hielten sich instinktiv an den Händen. Der Schrei schien nicht mehr aufzuhören, aber man erkannte, wie sich die Anspannung aus Helmis Körper löste und als der Schrei verstummte, lächelte er schließlich. Er schien matt, aber glücklich.

Die vier Teilnehmerinnen applaudierten. Eine Teilnehmerin rief „Bravo“, die andere wandte sich flüsternd zu Josepha: „Gell, er ist doch wirklich ein Tier, nicht?“

Josepha sah skeptisch aus und Irene Veidt schien mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein. Helmi stand auf, ergriff das Frotteehandtuch, das hinter ihm über der Heizung hing und wischte sich den Schweiß von Gesicht und Brust.

„Na“, fragte er strahlend, „wie war ich?“