(310) Es war in Venedig gewesen und zwar zur Karnevalszeit.

von Alain Fux

Es war in Venedig gewesen und zwar zur Karnevalszeit. Überall in nebeligen Gassen waren schemenhafte Masken unterwegs, es war schauerlich schön. Spengler trug eine traditionelle, weiße Bauta-Maske, bei der der untere Teil aus einem hervorstehenden Dreieck bestand. Vor Bauers Hotel hatte er sich einer Gruppe anderer Masken angeschlossen, darunter einer Frau, die eine Pestarztmaske trug. Sie hieß Orfea. Auch damals hatte er sofort ein unwiderstehliches Verlangen gespürt. Er wollte ihr nicht nur diese Maske mit der langen Nase, sondern auch die Kleider vom Leibe reißen, sie nackt vor sich sehen. Stundenlang war er danach mit dieser Gruppe unterwegs gewesen und hatte sich langsam in das Vertrauen und das Verlangen von Orfea vorgearbeitet.

Als der Morgen graute, begleitete sie ihn in sein Hotel, das Danieli. Spengler führte schon damals eine offene Ehe. Seine Frau war getrennt unterwegs und er nahm an, dass auch sie fündig geworden sein musste.

Spengler ließ Orfea in sein Zimmer und schloss die Tür, indem er sich mit dem Rücken dagegen fallen ließ. Sie setzte sich geradewegs aufs Bett und schaute ihn herausfordernd an. Endlich war er am Ziel. Er zog ihr erst das Kleid und die Korsage aus. Er fand Gefallen an dem, was er sah. Dann nahm er ihr die Maske ab und hielt vor Verzückung den Atem an. Sie war abgrundtief hässlich, er hatte es geahnt. Nichts in ihrem Gesicht passte zueinander, weder von den Proportionen, der Farbe oder der Ausrichtung. Ihr Gesicht und ihr Oberkörper waren über und über mit weißem Puder bedeckt, der durch das Schwitzen wolkig geworden war.

Spengler zog seine eigene Maske aus und legte sein Hemd ab. Er wollte sein Körperpuder mit ihrem vermischen und ihre riesige Nase mit seinen Küssen bedecken. Orfea Larga war wirklich die hässlichste Frau, der er je begegnet war.

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