(309) Jetzt kommt wieder diese Verrückte, Emil.

von Alain Fux

„Jetzt kommt wieder diese Verrückte, Emil.“ Frau Leuschner zog sich etwas hinter die Gardinen zurück. Eine Frau in weißer Bluse und dunklem Rock kam den Bürgersteig entlang. In der Hand hielt sie ein Schild, auf dem geschrieben stand: ‚Nur Katholiken kommen in den Himmel‘. Alle Lettern waren in rot, nur ‚Katholiken‘ und ‚Himmel‘ waren in hellblau. Frau Leuschner wurde um ein paar Töne bleicher, denn sie war Protestantin.

„Was will diese Frau, Emil? Ob sie glücklich wird, wenn sie mit diesem Schild so durch die Straßen geht?“ Frau Leuschner schüttelte den Kopf. „Man fragt sich wirklich, Emil, was sie sich im besten Fall davon erhofft? Will sie, erschlagen auf der Straße, zur Märtyrerin werden? Was meinst du, Emil?“ Der Hund sah sie mit Unterbiss und wässrigen Augen an.

„Der Mann, der ihr folgt, sieht aus, als ob er lieber etwas ganz anderes mit ihr machen wollte. Schau dir das mal an, Emil. Gleich fangen seine Lefzen an zu triefen.“

Egon Spengler folgte Elli Handschuh seit fast hundert Metern und er war erregt. Als ihm die Frau mit dem Schild entgegengekommen war, hatte er einen Augenblick das Gefühl gehabt, als ob alle Nervenzellen in seinem Hirn gleichzeitig feuerten. Er hatte seine Richtung gewechselt und war ihr gefolgt, um herauszufinden, was diesen Effekt bei ihm ausgelöst hatte. War es die Strenge ihrer Bekleidung? War es die Kombination mit Religion und vor allem Himmel, Hölle implizierend, die sein Interesse aufs Äußerste geweckt hatte? Fühlte er sich als Atheist der Willkür dieser Frau ausgeliefert, die ihn in die Hölle verstoßen konnte? War es ihr entschlossener Gang, als ob sie eine Mission hatte, der sie unerbittlich folgen würde? Vielleicht sogar mit Hilfe des Schildes, das man bestimmt als Waffe einsetzen konnte? Oder war es die Hässlichkeit ihres Gesichts, die auf ihn einen aphrodisischen Einfluss hatte? Während er ihren Schritten folgte, erinnerte sich Spengler an einen Abend vor vielen Jahren.

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