(306) Oswald Weber stellte den alten Rucksack vor sich auf die Erde…

von Alain Fux

Oswald Weber stellte den alten Rucksack vor sich auf die Erde und räumte den Inhalt in den Schrank daneben. Seine Frau Rosmarie hatte die Kaffeemaschine befüllt und angeschaltet. „Wieder ein schöner Tag“, stellte sie lächelnd fest, „ich bin müde, aber glücklich.“

Oswald schloss die Schranktür, nachdem er auch den Rucksack selbst verstaut hatte. „Ja, es war wieder sehr schön. Das ist eine meiner Lieblingsrouten. Weißt du was?“, fragte er. Rosmarie wusste, was kommen würde, schüttelte aber den Kopf. „Wir könnten das viel öfters machen. Warum ziehen wir nicht einfach hinaus, Richtung Berge? Was hält uns hier?“ Sie hatte Recht gehabt. Wieder einmal tauschten sie Für und Wider eines Umzugs aus: die Nähe zur Natur, die Kosten, aber auch ihr Freundeskreis in der Stadt, Theater- und Museumsbesuche usw.

„Ich fühle mich eher in der Stadt geborgen als auf dem Land“, meinte sie. „Ich bin sehr gerne draußen, aber nicht ständig. Und was ist, wenn wir alt und gebrechlich sind und medizinische Hilfe brauchen?“ Er sah sie zärtlich an und antwortete: „Aber Schatz, wir sind alt, aber nicht zu alt. Irgendwann wird es zu spät sein, aber noch nicht jetzt. Und dann können wir immer noch zurück in die Stadt kommen, zum Sterben, wie die Elefanten.“

„Genau, irgendwann werden Archäologen in vergessenen Pflegeheimen auf Berge von Knochen stoßen und glauben, dass sich hier Menschen zum Sterben zurückgezogen haben.“ – „Ja, und uns wird man daran erkennen, dass wir uns so sehr umarmen, dass sich unsere Rippen ineinander verhakt haben.“

„Igitt, hör auf“, wehrte sie lachend ab, „du mit deiner morbiden Fantasie.“ Sie umarmte ihn und sie küssten sich. „Aber erst einmal gibt’s Kaffee“, meinte sie. „Perkolator statt Rollator“, fügte er hinzu.

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