(305) Von der Essensausgabe bis zu seinem Tisch an der windgeschützten Rückwand der Berghütte…

von Alain Fux

Von der Essensausgabe bis zu seinem Tisch an der windgeschützten Rückwand der Berghütte ging Prof. Schreiber an gut zwei Dutzend Wanderern vorbei. Manche machten sich über ihre Brotzeit her, andere saßen oder lagen träge in der Sonne. Er registrierte drei teilweise sehr ausgeprägte Skoliosen, einen Morbus Scheuermann bei einem zehnjährigen Jungen sowie eine fies aussehende Schleimbeutelentzündung an einer Ferse. Der Schmerzen an der Ferse mussten gerade in den Wanderschuhen unerträglich sein. Schreiber setzte sich mit dem Rücken gegen die warme Holzwand und trank einen Schluck von seiner Johannisbeerschorle.

Der Arzt hatte seine Empfangsdame angewiesen, alle 14 Tage einen Tag in seinem Terminkalender freizuhalten, ihn aber erst am Tag vorher darüber zu informieren. Diese unverhofften freien Tage empfand er als großes Geschenk. Meistens ging er dann in die Berge wandern, so auch heute. Während er seinen Linseneintopf löffelte, setzte sich ein altes Paar an den Nebentisch. Beide waren zwar um die siebzig, aber körperlich ungemein fit. Schreiber fielen keine Makel auf. Ihre Wanderausrüstung schien alt, teilweise abgenutzt, aber dennoch gepflegt. Der Mann holte Essen und Getränke, die Frau wartete auf ihn und schaute in die Ferne. Während sie aßen, unterhielten sie sich leise über den Aufstieg und was sich seit ihrer letzten Tour hierher verändert hatte. Alles an ihnen war ruhig, vertraut und erschien Schreiber so natürlich.

Je länger er das Paar beobachtete, desto unruhiger wurde er allerdings selbst. Die Sonne hatte sich hinter dem Hausgiebel nach vorn gearbeitet und blendete ihn. Ihm wurde heiß und er brach in Schweiß aus. Plötzlich fühlte er sich getrieben, wollte schnell wieder aufbrechen. Irgendetwas hatte seinen freien Tag ruiniert. Er wünschte, er wäre schon wieder zuhause und könnte sich verkriechen vor der Welt.

Als er aufstand und seinen Abmarsch vorbereitete, bemerkten ihn seine Nachbarn nicht einmal. Auch nicht, als er schließlich seinen Rucksack auf den Rücken schwang. Mit hastigen Schritten näherte er sich dem schwarzen Loch in der Waldwand, durch das er vorhin hochgekommen war.

Advertisements