(301) Judith Falk stand auf und zog ihre Unterhose wieder an.

von Alain Fux

Judith Falk stand auf und zog ihre Unterhose wieder an. „Verhüten Sie?“, fragte Dr. Jürgens beiläufig, streifte die Gummihandschuhe ab und warf sie in den Tretabfalleimer, der sich mit einem satten Plopp wieder schloss.

„Ja“, bestätigte sie, „ich nehme die Pille.“ – „Aha“, meinte Dr. Jürgens und setzte sich an den Schreibtisch. „Ist das ein Problem?“, entgegnete sie. „Nein, sehe ich nicht. Sie rauchen nicht, sind schlank, treiben Sport, keine Probleme. Brauchen Sie ein neues Rezept?“ Sie dachte schnell nach und lachte dann kurz. Dr. Jürgens schaute sie fragend an, als sie sich auf den Stuhl vor den Schreibtisch setzte.

„Es ist nur… Jetzt wo Sie mich gefragt haben, fiel es mir ein, wann ich das letzte Mal… nun, Gelegenheit hatte, die Vorteile der Pille zu nutzen.“ – „Und…?“, fragte er. Sie lachte wieder, verlegen. „Das ist eine Ewigkeit her. Und auch das nur ein kurzer Funke und dann war wieder Nacht.“ Sie dachte nach. „Eigentlich habe ich es satt, jeden Tag Chemie in mich reinzufuttern, und das alles ohne Grund. Wenn man es hochrechnete, könnte ich wahrscheinlich tausend Jahre in der Art sexuell aktiv sein, bevor ich auch nur ein größeres Risiko liefe, schwanger zu werden, ohne Pille.“ – „Ich kann das nicht beurteilen“, wandte Dr. Jürgens ein. „Was war denn der Grund, warum Sie begannen, die Pille zu nehmen?“ – „Um keine Kinder zu bekommen“, antwortete sie, plötzlich belustigt. „Wissen Sie was, stellen Sie mir ein weiteres Rezept aus. Man weiß ja nie. Und wenn ich das Verhüten aufgäbe, hieße es irgendwie, dass ich auch keine Hoffnung mehr hätte, dass sich an meiner Situation etwas verändert.“ – „Wie Sie meinen“, antwortete Dr. Jürgens und griff zu Stift und Rezeptblock. „Was nehmen Sie denn?“ Sie nannte ihm den Markennamen der Antibabypille, die sie nahm. Er schrieb ihn auf, unterzeichnete und stempelte das Rezept, bevor er ihr den Zettel reichte. „Danke“, sagte sie. „Haben Sie heute Abend schon etwas vor?“ Dr. Jürgens war völlig verwirrt. Sie lächelte und meinte: „Keine Panik. Ich wollte nur mal üben. Danke für die Sprechstunde.“

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