(300) Die Zahlen des Unternehmens sind hervorragend…

von Alain Fux

„Die Zahlen des Unternehmens sind hervorragend, die Marktperspektiven können sich sehen lassen und der Aktienkurs lag gestern zum Börsenschluss bei knapp 199. Herr Eberwein: warum treten Sie gerade zu diesem Zeitpunkt zurück?“ Judith Falk legte die Hände in den Schoß und sah Laurenz Eberwein erwartungsvoll an. Sie kannte Eberwein seit langem. Nur deswegen hatte sie dieses Interview ergattert. Es war das einzige, das Eberwein geben würde.

Er saß mit fahlem Gesicht vor ihr und rührte mit fahrigen Gesten in seinem Kaffee, in den er noch keinen Zucker getan hatte. „Sie haben Recht, dem Unternehmen geht es blendend. Es ist das Ergebnis der harten Arbeit der letzten Jahre“, begann Eberwein. „Ich trete ausschließlich aus persönlichen Gründen zurück.“ Er schwieg. Sie wartete, aber er schwieg weiter.

„Gerüchte von möglichen Misserfolgen bei der kürzlich erworbenen australischen Gesellschaft entsprechen also nicht der Wahrheit?“ – „Nein, durchaus nicht“, erwiderte er schmallippig.

„Es gab also auch keine Intrige, des Aufsichtsratsvorsitzenden, der Ihnen im kleinen Kreis mangelnde Dynamik vorgeworfen haben soll?“ – „Nein, auch das nicht. Unsere Beziehung ist gefestigt und unsere Zusammenarbeit hat über die Jahre viele schwierige Ereignisse gemeinsam gemeistert.“ Wieder Schweigen.

Das Gespräch schien Eberwein sehr viel Kraft zu kosten.

Falk lehnte sich nach vorn und sprach: „Es tut mir leid, aber ich muss es fragen, Ihr Unternehmen ist börsennotiert, die Gesellschafter haben ein Recht auf Information. Sie hatten vor nicht allzu langer Zeit einen schweren Schicksalsschlag in der Familie. Ihr kleiner Sohn kam bei einem Unfall ums Leben. Hat der Verlust etwas mit Ihrer Entscheidung zu tun?“

Eberwein schüttelte den Kopf. Sie merkte, dass er gegen die Tränen kämpfte. „Es tut mir leid“, entschuldigte sie sich, „ich bin zu weit gegangen.“ Er schüttelte nochmals den Kopf. „Das verstehe ich nicht“, meinte sie. „Wenn es Ihnen hilft, Sie können mir gerne etwas off the record sagen. Sie waren mir gegenüber immer sehr fair.“

Eberwein schluckte und atmete tief durch. „Es ist nicht, weil ich vor dreizehn Monaten meinen Sohn Lukas verloren habe. Es ist vielmehr, dass ich vor Jahren mich selbst verloren habe.“

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