(299) Laurenz Eberwein stützte sich mit den Ellbogen auf das Geländer der Dachterrasse

von Alain Fux

Laurenz Eberwein stützte sich mit den Ellbogen auf das Geländer der Dachterrasse und schaute hinüber zu dem Park. Seine Hände zitterten und er griff sie ineinander. Als er zum ersten Mal an diesem Ort war, hatte er sich ganz anders gefühlt. Damals: euphorisch, frohgemut und dem Neuen gegenüber aufgeschlossen. Heute fühlte er sich alt und verbraucht. Er war gerade dabei, seine Wohnung für einen Spottpreis zu verkaufen, um neu anfangen zu können.

Damals war er hierher gezogen mit Emily und gemeinsam hatten sie Lukas in seiner Tasche in die Wohnung getragen. Eberwein zwang sich, hinunter in den Hof zu schauen und es war, als ob sich eine kalte Faust um sein Herz legte. Da unten, neben den Mülltonnen auf dem schwarzen Asphalt, hatte Lukas gelegen.

Es war für Eberwein auch jetzt noch unvorstellbar, dass der kleine Junge auf das Geländer gestiegen sein musste und… Jedes Mal blieb er in seinen Gedanken stecken. Emily erging es nicht anders. Und sie hatten sich dennoch entfremdet, schon gleich danach. Der Schmerz hatte sie zuerst kurz vereint, dann hatte er Zweifel an ihr gehabt. Sie hatte es gespürt und eines hatte zum anderen geführt. Emily zog aus und dann war die Wohnung noch viel leerer. Es war jetzt das erste Mal, dass er sich wieder auf die Terrasse wagte. Er hatte sich dazu gezwungen, um sich nicht vollständig wie ein Unterlegener zu fühlen.

Seine Hände ballten sich zu Fäusten, die Haut wurde weiß an den Knöcheln. Eigentlich verstand er seine Trennung von Emily nicht. Sie waren auch vorher, vor Lukas, ein Paar gewesen und es hatte ihnen an nichts gefehlt.

Die Scheidung war schnell vorbei gewesen. Die Anwälte hatten sich rasch geeinigt. Es hatte keinen Grund gegeben, dass er und Emily sich noch einmal trafen, und so hatten sie es auch nicht getan. Wäre es möglich, einfach zu Emily zu fahren und einen Neuanfang zu wagen? Wollte er es und würde er es verkraften? Er fühlte sich stumpf. Alle Alternativen waren gleichermaßen uninteressant.

Er hatte beschlossen, eine Auszeit zu nehmen. Vom Job, von der Stadt… Einfach weg zu sein. Mal sehen, was sich ergeben würde. Irgendein neues Ziel finden, eine neue Perspektive.

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