(295) Es war still.

von Alain Fux

Es war still. Er hatte alle Kommunikationskanäle abgeschaltet und genoss es, völlig entbehrlich zu sein. Es war für ihn das höchste Glück. Nicht einmal Gedanken schienen sich noch zu regen. Jahre hätten vergehen können, ohne dass er es merkte. Irgendwann kehrte sein Bewusstsein zurück und dadurch auch seine Neugier.

Gott ging wieder auf Empfang. Sofort erfüllte kakophonisches Gedröhn den Raum. Er schaltete die meisten Frequenzen wieder aus und der Lärm wurde erträglicher. Er hörte Wünsche („Ich möchte, dass mein Mann mich wieder liebt“ oder „Bitte mach, dass ich mein Bein nicht verliere“), Flüche („Gott wird dich zur Hölle schicken“), Gebote („Gott hat uns aufgetragen, dass wir den Sonntag heiligen müssen und wer das Gegenteil macht, wird von Gott im Jenseits bestraft werden“) oder Predigten („Gott ist, was er tut. Und er tut, was er ist.“)

Gott seufzte, es hatte sich nichts geändert, seit er das letzte Mal hineingehört hatte. Es schien, als ob sich die Marke ‚Gott‘ verselbstständigt hatte und er selbst am Wenigsten gebraucht wurde.

Er schaltete die Kommunikation wieder ab. Ob er sich einmischte oder nicht, machte keinen Unterschied, denn jeder sah nur das, was er sehen wollte. Eigentlich würde er am liebsten alle, die in seinem Namen sprachen, zur Hölle schicken. Leider hatte er aber keine Ahnung, wie er es anstellen sollte. Wahrscheinlich war es auch nicht notwendig, denn alle, die ihn anriefen, waren längst in ihrer selbstgemachten Hölle. Er würde daran nicht viel verschlechtern können.

Was ihm wichtig erschien, war allerdings, die toten Seelen zu empfangen und ihnen ein paar Ratschläge für die Ewigkeit mitzugeben. Denn, so pflegte er zu sagen: „Die Ewigkeit ist verdammt lang!“

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