(294) Zufrieden besah sich Mark Lehnert die sechs Mitglieder seiner Gebetsgruppe…

von Alain Fux

Zufrieden besah sich Mark Lehnert die sechs Mitglieder seiner Gebetsgruppe, die sich vor dem Krankenhaus versammelt hatten. Sie standen auf der niedrigen Mauer am Zugangsweg und hatten so alle Besucher im Blick. Wie jedes Mal trugen alle weiße Hemden oder Blusen sowie schwarze Hosen oder Röcke. Sie hatten Schilder angefertigt mit Slogans wie ‚Abtreibung ist Mord‘, ‚Ich will leben‘ unter der Silhouette eines Embryos, ‚Gott sagt, du sollst nicht töten‘ und ‚Jedes 7. Kind stirbt im Bauch der Mutter‘. Mark trug eine Tafel mit der Aufschrift ‚Gott schickt euch alle zur Hölle‘. Mit Trillerpfeifen waren sie ausgerüstet und pfiffen alle Besucher des Krankenhauses aus.

Mark stand dem Eingang am nächsten und skandierte einer verängstigt aussehenden Frau hinterher: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt. Jeremias 1,5.“ Hinter der Glastür hatten sich zwei Pfleger aufgebaut und hielten der Frau die Tür auf. „Du Hure Babylon“, schrie Mark, bevor die Tür sich wieder schloss.

Eine halbe Stunde nach Beginn ihrer Aktion kam die Polizei. Mark stellte sich den Beamten entgegen und zeigte ihnen die Kopie eines Gerichtsurteils. „Hören Sie, Herr Lehnert“, sagte der ältere der beiden Polizisten, „wir sehen uns ja hier nicht zum ersten Mal. Das Urteil betrifft Gehsteigberatung. Das hier ist eine unangemeldete öffentliche Versammlung, die ich hiermit auflöse. Versammlungsgesetz § 15. Die Schilder sind beschlagnahmt. Aber das wissen Sie ja noch von letzter Woche. Ich hoffe, wir brauchen Sie dieses Mal nicht festzunehmen, oder?“ – „Gott wird euch alle bestrafen“, rief Mark mit hasserfülltem Gesicht, als ihm der Beamte das Schild abnahm. „Wir rufen ihn mal an und fragen nach“, antwortete der Polizist, „bis dahin gehen Sie alle bitte nach Hause, in die Kirche, oder meinetwegen in eine Konditorei, sonst müssen wir Sie festnehmen.“

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