(293) „Warum hast du immer noch keinen Mann?“

von Alain Fux

„Warum hast du immer noch keinen Mann“, bohrte er. Es war wirklich ein sehr schlechter Tag für Inga. Wieder einmal war sie nahe daran, die Bombe zu zünden: Von ihrer Mutter wusste sie, dass Jost Lehnert nicht ihr richtiger Vater war. Er hatte es nie erfahren.

Sie kannte ihren richtigen Vater nicht und Jost Lehnert war zumindest lange Zeit ein guter Ersatz gewesen. Sie hatte es bisher nie übers Herz gebracht, es ihm zu sagen. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte ihr die Wahrheit oft auf der Zunge gelegen, sie hatte es aber nie über sich gebracht, ihn damit zu verletzen. Irgendwann war es einfach zu spät gewesen und mit dem Fortschreiten seiner Krankheit konnte sie ihm das nicht mehr antun. Sie hoffte, es würde ihr nicht doch einmal in Notwehr herausrutschen. Gelegenheiten dazu schien es immer öfter zu geben.

Es klingelte. Sie ließ Mark herein. Er war zwei Jahre älter als sie. Als Kinder waren sie sehr eng verbunden gewesen, aber irgendwann hatte Mark die Religion für sich entdeckt und war zu einem Radikalchristen geworden. Seitdem hatten sie sich nichts mehr zu sagen. Für den Vater war Mark aber für alle Zeit der Erstgeborene. Wenigstens das stimmte, wusste Inga noch von ihrer Mutter.

„Inga bekommt Geld von dem alten Sack, damit ich hier wegziehe“, krähte der Vater Mark an. „Hier geht es dir doch gut“, antwortete Mark. „Warum gibt der Typ Geld aus, wenn er Vater doch nicht einmal gesehen hat, was, Inga?“ – „Er mag mich und ich habe ihm von Vater erzählt“, antwortete sie. „Und was musstest du dafür tun? Wie tief musstest du sinken, um das zu erreichen? Welch gottloses Leben du doch führst!“

Mark stand da wie ein Prediger, mit ausgebreiteten Armen. „Unser Vater braucht kein Geld, keine neue Wohnung… Er braucht Gott in seinem Herzen.“ Jost Lehnert fing an zu husten. „Lass mal gut sein“, keuchte er zwischen Hustenstößen, „meine Lunge ist so aufgebläht, da bleibt kein Platz für irgendetwas anderes in meinem Brustkorb.“

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