(292) Jost Lehnert hustete in sein Taschentuch…

von Alain Fux

Jost Lehnert hustete in sein Taschentuch, schaute kurz hinein und klappte es wieder zu. Schon der kurze Weg zur Tür, um Inga herein zu lassen, hatte ihn erschöpft und er rang nach Atem.

„Wie geht es dir heute?“, fragte sie. „Beschissen. Aber besser als morgen“, antwortete er keuchend. Es roch streng in der Wohnung, aber ein Fenster durfte sie nicht öffnen. Jede Erkältung könnte tödlich sein, hatte der Arzt gesagt. Während Inga hinter ihm ins Wohnzimmer gekommen war, hatte sie angefangen, etwas aufzuräumen. „Lass das jetzt“, fuhr er sie an. „Dafür habe ich jemand. Lass das alles liegen.“ Sie setzte sich zu ihm an den Tisch.

Ihr Vater litt an einem Lungenemphysem, das ihn früher oder später umbringen würde. „Ich werde bald etwas Geld zusammen haben und wir können dir dann eine günstiger gelegene und besser ausgestattete Wohnung nehmen.“ – „Ich will hier nicht raus“, knurrte er trotzig. „Wo hast du das Geld überhaupt her?“ – „Der alte Herr, für den ich arbeite, ist sehr reich und will helfen“, log sie. Die Wahrheit konnte sie ihm natürlich nicht sagen. Sie hatte ihrem Vater erzählt, dass sie als Gesellschafterin bei einem Millionär arbeite.

„Du bist bestimmt viel lieber bei dem reichen Sack als bei mir. Du brauchst auch nicht hierher zu kommen. Ich komme ganz gut klar.“ – „Ach Vater“, versuchte sie ihn zu beruhigen, aber er hatte mal wieder einen schlechten Tag. Sie wusste immer gleich beim Eintritt in die Wohnung, wie alles sein würde. An manchen Tagen war er angenehm und sie konnte mit ihm reden. An anderen Tagen war er unausstehlich. „Mark kommt nachher auch noch.“ Mark war Ingas Bruder. Es würde also ein sehr schlechter Tag werden, dachte sie.

„Willst du eine Tasse Tee?“, fragte sie. Seine Antwort („Der kommt mir schon aus den Ohren raus“) sprach sie stumm mit, als sie Wasser für zwei Tassen Tee in die Kanne laufen ließ. Mit versteinerter Miene sah sie eine Zigarettenkippe im Ausguss liegen. Sie spürte, dass ihr Vater sie beobachtete. Er wollte sehen, wie sie auf die Kippe reagierte. Es war eine Provokation. Sie setzte das Wasser auf und nahm die Teetassen aus dem Schrank.

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