(288) „Ich heiße Inga“, stellte sich seine Sitznachbarin auf 17A vor.

von Alain Fux

„Ich heiße Inga“, stellte sich seine Sitznachbarin auf 17A vor. „Guido Wiese“, antwortete er. Sofort dachte er, dass das etwas förmlich klang, aber er war noch im Konferenzmodus. Heimlich hatte er Inga bereits die ganze Zeit beobachtet, aber außer einer kurzen Begrüßung und dem Hin-und Herreichen des Tabletts hatten sie noch keinen Kontakt gehabt. Als er sich die Fotos der Frühjahrskollektion anschaute, hatte sie ihn gefragt: „Business or pleasure?“ Er hatte lachen müssen. „Beides“, antwortete er, „ich bin für alle Märkte in Südeuropa verantwortlich. Fein- und Strickstrumpf.“ – „Sehr interessant“, meinte sie, „und worauf müssen sich meine Beine künftig einstellen?“

So waren sie ins Gespräch gekommen. Inga war auch beruflich in Chicago gewesen. Es gab weitere Gemeinsamkeiten zwischen ihnen. Sie kamen beide ursprünglich aus der gleichen Region, bevor es sie in die große Stadt verschlagen hatte. Beide konnten sich nicht mehr vorstellen, in die Provinz zu ziehen.

Guido war froh, nach den drögen Tagen im Sears Tower endlich wieder mit einem normalen Menschen zu sprechen. Er war selbst erstaunt, dass er sich fast euphorisch benahm und er fand sich ungewohnt schlagfertig. Inga und er lachten viel auf dem Flug und die Zeit verging sehr schnell.

Als fast alle anderen Mitreisenden bereits schliefen, redeten sie weiter flüsternd miteinander, dabei steckten sie die Köpfe ganz nahe aneinander. Guido genoss es, ihre weichen, angenehm duftenden Haare an seiner Nasenspitze und seinen Lippen zu spüren. Er verglich Inga mit Helen, seiner Frau. Es war natürlich unfair, aber es drängte sich ihm auf. Natürlich war Inga jünger als Helen. Vor allem aber schien sie ihm viel lebendiger. Mit ihr hatte er das Gefühl, dass er im Leben mehr Spaß haben könnte, als es jetzt der Fall war. Sie gab ihm das Gefühl, dass er auch etwas anderes war als nur der Brötchenverdiener.

Erst als Flug 269 landete, dachte Guido daran, dass Helen ihn abholen würde. Inga schien ihm schnell wieder weit entfernt zu sein.

Nachher am Gepäckband las er eine SMS, die Helen ihm geschickt hatte, während er im Flugzeug saß: ‚Meine Mutter ist im Krankenhaus. Nichts Ernstes. Bin hingefahren für 3 Tage. Du kommst ja zurecht. Helen‘. Guido sah auf. Inga stand gegenüber, auf der anderen Seite des Bands. Er winkte hinüber. Sie winkte zurück. „Frühstück?“, rief er ihr zu. Sie nickte heftig und lächelte ihn an. Er fühlte, wie sich sein Herz in der Brust verkrampfte.

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