(287) Weit dahinten trafen sich Himmel und Erde.

von Alain Fux

Weit dahinten trafen sich Himmel und Erde. Davor floss der Kanal an dem großen Rangierbahnhof entlang. Links konnte Hugo Lorenz den Michigan-See erkennen, hell erleuchtet in der hochstehenden Sonne. Er saß im 73. Stock des Sears-Tower und hörte seit zwanzig Minuten Waring zu, davor waren es Smarandache-Wellin und davor Guido Wiese gewesen. Die Vertriebskonferenz nahm kein Ende. Als seine Region am Vormittag abgehakt war, hatte er eigentlich gehen wollen, aber Waring hatte ihm unmissverständlich klar gemacht, dass der Teamgeist seine Präsenz erforderte. Lorenz musste auf jeden Fall aber noch zu einem kleinen Laden am Lincoln Park, etwa 10 Minuten entfernt, mit dem Taxi.

Von jeder seiner Reisen brachte er Ursula, seiner Ehefrau, eine Clownsfigur mit, meistens aus Porzellan. Sie hatte vor vielen Jahren mit dem Sammeln angefangen, eigentlich nur aus Zufall.

Eine Freundin hatte ihr einen Clown geschenkt. Aus Höflichkeit hatte sie ihn in eine Vitrine gestellt. Prompt bekam sie noch mehr davon. Am Ende war es ein Selbstläufer. Das erste Mal, als er ihr eine Figur mitgebracht hatte, war es mit Ironie gewesen. Dann fand Ursula die Idee der Clownsammlung lustig und es hatte sich eingebürgert, dass jeder, der sie kannte, ihr eine Figur von Reisen mitbrachte.

Der kleine Laden in der North Wells Street hatte eine große Auswahl und Lorenz war etwas unruhig, ob er den Trip dahin noch schaffen würde. Es war die letzte Chance während seines Aufenthalts in Chicago.

Er stand auf und verließ den Konferenzraum. Gwenda, Warings Sekretärin war an ihrem Platz. Sie war immer sehr höflich und nett zu ihm. Er erklärte ihr das Problem und fragte, ob es jemand gebe, der diese Besorgung für ihn erledigen könne, er würde natürlich für die Zeit bezahlen. Gwenda lächelte verständnisvoll und meinte, dass ein Neffe von ihr nicht weit von dem Laden wohne. Sie würde es mit ihm klären.

Eine dreiviertel Stunde später kam Gwenda in das Konferenzzimmer und stellte wortlos eine weiße Tüte neben Lorenz‘ Stuhl. Als er sich vor seiner Abreise bei ihr bedankte, wollte sie nicht einmal Geld von ihm. Er gab ihr trotzdem eine Hundertdollarnote für den Neffen.

Als Ursula bei seiner Rückkehr das Paket öffnete, schaute sie Hugo verblüfft an und holte einen Kunstharzclown heraus, der eine Kettensäge in der Hand hielt, vollständig wie mit Blutspritzern besudelt war und einen irren Gesichtsausdruck hatte. Die beiliegende Karte war von einem Laden für Halloweenzubehör. Es musste ein Mieterwechsel in der North Wells Street 353 stattgefunden haben.

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