(285) Hansjürgen Korn war mit der Trauerfeier und dem Leichenschmaus zufrieden.

von Alain Fux

Hansjürgen Korn war mit der Trauerfeier und dem Leichenschmaus zufrieden. Es war eine letzte Ehrerbietung für seinen Vater gewesen, gleichzeitig aber auch ein Test für das Erbe, das er angetreten hatte. Besonders bei Uwe Balzer und Ruttger Nowak fühlte er sich unsicher. Die beiden waren die größten Konkurrenten seines Vaters. Hansjürgen würde sie fest im Auge behalten müssen. Zu dritt beherrschten sie den Markt und deshalb war jeder den beiden anderen gegenüber misstrauisch.

An diesem Abend, so schien es ihm, gab es eine Art Waffenstillstand und irgendwann saßen die beiden alten Hasen mit Hansjürgen Korn zusammen an einem Tisch. Balzer und Nowak erzählten zuerst Anekdoten über Hansjochen Korn. Manche Geschichten kannte Hansjürgen, andere waren ihm neu.

Dann redeten sie über den Markt. Nowak beschwerte sich über das Internet. Sicher, man könne darüber werben, räumte er ein, aber sonst mache das Internet alles kaputt. „Diese Anonymität ist schrecklich“, klagte er, „die Leute holen sich zu Hause lieber einen runter, als dass sie unter Menschen gehen.“ Balzer pflichtete ihm bei. „Bei allen Mädchen brauchst du im Internet Fotos von vorne, hinten, oben, unten… Wozu soll das gut sein, wo bleibt die Romantik?“

Renate hatte sich früh zurückgezogen, auch das ein Zeichen, dass ihr Sohn jetzt die Geschäfte führte. Hansjürgen genoss das Gespräch, auch weil er wusste, dass am nächsten Tag bereits wieder das Recht des Stärkeren galt.

Für alle Trauergäste gab es am Ausgang ein Präsent, noch von Korn selbst ausgedacht und nur wenige Tage vor seinem Ableben in Auftrag gegeben. Als er ihnen davon erzählt hatte, waren Renate und Hansjürgen anfangs nicht sehr angetan gewesen, hatten sich dann aber Hansjochen gefügt. Obwohl er im Sterben lag, hatten sie noch Angst vor ihm gehabt und so war auch diesmal sein Wunsch Befehl.

Später am Abend, viele Gäste waren bereits gegangen, kam Ulf Sieber, ein Aushilfskellner, mit einem Tablett schmutziger Gläser am Tisch mit den Präsenten vorbei. Er blickte sich um und als keiner zuschaute, steckte er eine der weißen Schachteln mit schwarzem Rand in die Tasche seiner Schürze.

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