(283) Bohm stieg die Betontreppe hinunter in den Keller des verlassenen Lagerhauses.

von Alain Fux

Bohm stieg die Betontreppe hinunter in den Keller des verlassenen Lagerhauses. Licht drang durch die Ritze der Stahltür. Er hörte ein Lied von Frank Sinatra, Manfreds persönlichem Held. Da es Manfreds Anlage war, hatte er ein Vorrecht bei der Auswahl der Musik.

Bohm öffnete die Tür und trat in den Clubraum. Siegmar, Manfred, Rocky – die üblichen Verdächtigen saßen am Spanplattentresen und prosteten ihm mit ihren Bierflaschen zu. Weiter hinten, am Ende des langen, breiten Flurs standen neue Sargdeckel mit Zielscheiben dran. „Gute Sache, Siegmar“, lobte Bohm, „Eiche?“ – „Jo“, antwortete Siegmar Jahns. Er war Bestatter und brachte mangelhafte Erzeugnisse der eigenen Sargproduktion mit in den Club. Die Sargdeckel eigneten sich hervorragend als Kugelfang und zur Befestigung der Zielscheiben.

Rocky pellte sich vom Barhocker und stellte sich in Position. 20 Meter Entfernung zu den Zielscheiben. Er hob den Arm mit der HK Mk23, zielte und feuerte in kurzen Abständen zwölf Mal, bis das Magazin leer war. Der Knall kam wie ein hartes bellendes Husten aus allen Ecken des Kellers wieder zurück. Siegmar hob das Fernglas an die Augen und nickte anerkennend: „Nicht schlecht!“ Rocky drückte seiner Mk23 einen Schmatzer auf und setzte sich wieder.

Bohm stellte sich in die Mitte an den Tresen. „Ich habe euch etwas Feines mitgebracht.“ Er griff in die Manteltasche und zog die 641 heraus. Er hatte sie repariert und standesgemäß in einen passenden Holster von Krieghoff geschoben. Bohm erläuterte, dass es die belgische Browning in dieser Ausführung nur etwa 3.000 Mal gebe. Das ‚W‘ zeige, dass die Waffe aus holländischen Beständen stammte, was die Pistole zu einer noch größeren Rarität machte.

Siegmar war fasziniert. „So eine hatte ich ja noch nie in den Händen“, meinte er. Er wog sie erst auf der flachen Hand, bevor er sie fest packte und damit auf eine Zielscheibe anlegte. „Fantastisch.“ Er reichte die Waffe weiter an Rocky, der sie andächtig mit den Fingerspitzen berührte. „Die ist original. Wie viele damit wohl erschossen wurden?“ Als letzter war Manfred dran. Er fragte Bohm: „Darf man?“ Bohm nickte und stellte eine Packung Munition auf den Tresen. Manfred belud das Magazin und steckte es in den Griff der Pistole. Er stellte sich auf das große schwarze Kreuz der 20 Meter-Schussposition und hob die Pistole, sie mit beiden Händen umklammernd. Er drückte ab und alle lauschten andächtig dem nachhallenden Knall.

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