Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Dezember, 2015

(311) Spengler konnte sich nicht erinnern…

Spengler konnte sich nicht erinnern, wie lange er bereits mit Orfea zu Gange war, als er plötzlich einen spitzen Schrei hörte. Gaia, seine Frau, war unbemerkt von ihm ins Zimmer gekommen.

„Du Schwein“, schrie sie. „Du hast unsere Abmachung gebrochen!“ Sie selbst war an Haar, Makeup und Kleidung verwüstet. Allerdings hatte sie sich der Abmachung entsprechend verhalten und ihr amouröses Abenteuer außerhalb der gemeinsamen Räume genossen. Spengler hatte nicht damit gerechnet, dass sie so schnell zurückkehren würde. Er erhob sich, aber bevor er die richtigen Worte gefunden hatte, stand Orfea vor ihm und schleuderte Gaia entgegen: „Wie können Sie es wagen, uns hier zu stören? Verlassen Sie sofort diesen Raum.“

Gaia rümpfte die Nase. „Was glauben Sie denn, was Sie hier für Rechte haben, Sie hässliche Kreatur.“ Bevor sie sich wehren konnte, hatte Orfea sie geohrfeigt. Kurzer Moment der Stille, in der sich die drei Protagonisten sammelten – Spengler und Orfea nackt mit verschmierten Puderschlieren am Körper, Gaia Spengler vernachlässigt angezogen mit einem röter werdenden Handabdruck auf der Wange.

Dann gingen beide Frauen mit Fäusten aufeinander los. Spengler versuchte zunächst, dazwischen zu gehen, fing aber selbst einen Hieb ein und wurde abgedrängt. Er setzte sich auf das Bett und genoss die Aussicht. Beide Frauen schienen im Kampf ebenbürtig zu sein. Gaia hatte Orfea die Perücke vom Kopf gerissen, Orfea hatte Gaia am Ausschnitt gezogen und das Kleid war eingerissen, so dass Gaias rechte Brust heraushing.

Spengler fühlte sich natürlich von dem Spektakel erregt. Er erwartete, dass die beiden Frauen, vom Kampf erschöpft, bald voneinander ablassen würden. Er hoffte auf einen aufregenden Dreier, wenn sich die Wogen geglättet hatten. Er und seine Erektion, die er mit wenigen Handgriffen unterhielt, würden bereit sein. Karneval in Venedig, er liebte es.

(310) Es war in Venedig gewesen und zwar zur Karnevalszeit.

Es war in Venedig gewesen und zwar zur Karnevalszeit. Überall in nebeligen Gassen waren schemenhafte Masken unterwegs, es war schauerlich schön. Spengler trug eine traditionelle, weiße Bauta-Maske, bei der der untere Teil aus einem hervorstehenden Dreieck bestand. Vor Bauers Hotel hatte er sich einer Gruppe anderer Masken angeschlossen, darunter einer Frau, die eine Pestarztmaske trug. Sie hieß Orfea. Auch damals hatte er sofort ein unwiderstehliches Verlangen gespürt. Er wollte ihr nicht nur diese Maske mit der langen Nase, sondern auch die Kleider vom Leibe reißen, sie nackt vor sich sehen. Stundenlang war er danach mit dieser Gruppe unterwegs gewesen und hatte sich langsam in das Vertrauen und das Verlangen von Orfea vorgearbeitet.

Als der Morgen graute, begleitete sie ihn in sein Hotel, das Danieli. Spengler führte schon damals eine offene Ehe. Seine Frau war getrennt unterwegs und er nahm an, dass auch sie fündig geworden sein musste.

Spengler ließ Orfea in sein Zimmer und schloss die Tür, indem er sich mit dem Rücken dagegen fallen ließ. Sie setzte sich geradewegs aufs Bett und schaute ihn herausfordernd an. Endlich war er am Ziel. Er zog ihr erst das Kleid und die Korsage aus. Er fand Gefallen an dem, was er sah. Dann nahm er ihr die Maske ab und hielt vor Verzückung den Atem an. Sie war abgrundtief hässlich, er hatte es geahnt. Nichts in ihrem Gesicht passte zueinander, weder von den Proportionen, der Farbe oder der Ausrichtung. Ihr Gesicht und ihr Oberkörper waren über und über mit weißem Puder bedeckt, der durch das Schwitzen wolkig geworden war.

Spengler zog seine eigene Maske aus und legte sein Hemd ab. Er wollte sein Körperpuder mit ihrem vermischen und ihre riesige Nase mit seinen Küssen bedecken. Orfea Larga war wirklich die hässlichste Frau, der er je begegnet war.

(309) Jetzt kommt wieder diese Verrückte, Emil.

„Jetzt kommt wieder diese Verrückte, Emil.“ Frau Leuschner zog sich etwas hinter die Gardinen zurück. Eine Frau in weißer Bluse und dunklem Rock kam den Bürgersteig entlang. In der Hand hielt sie ein Schild, auf dem geschrieben stand: ‚Nur Katholiken kommen in den Himmel‘. Alle Lettern waren in rot, nur ‚Katholiken‘ und ‚Himmel‘ waren in hellblau. Frau Leuschner wurde um ein paar Töne bleicher, denn sie war Protestantin.

„Was will diese Frau, Emil? Ob sie glücklich wird, wenn sie mit diesem Schild so durch die Straßen geht?“ Frau Leuschner schüttelte den Kopf. „Man fragt sich wirklich, Emil, was sie sich im besten Fall davon erhofft? Will sie, erschlagen auf der Straße, zur Märtyrerin werden? Was meinst du, Emil?“ Der Hund sah sie mit Unterbiss und wässrigen Augen an.

„Der Mann, der ihr folgt, sieht aus, als ob er lieber etwas ganz anderes mit ihr machen wollte. Schau dir das mal an, Emil. Gleich fangen seine Lefzen an zu triefen.“

Egon Spengler folgte Elli Handschuh seit fast hundert Metern und er war erregt. Als ihm die Frau mit dem Schild entgegengekommen war, hatte er einen Augenblick das Gefühl gehabt, als ob alle Nervenzellen in seinem Hirn gleichzeitig feuerten. Er hatte seine Richtung gewechselt und war ihr gefolgt, um herauszufinden, was diesen Effekt bei ihm ausgelöst hatte. War es die Strenge ihrer Bekleidung? War es die Kombination mit Religion und vor allem Himmel, Hölle implizierend, die sein Interesse aufs Äußerste geweckt hatte? Fühlte er sich als Atheist der Willkür dieser Frau ausgeliefert, die ihn in die Hölle verstoßen konnte? War es ihr entschlossener Gang, als ob sie eine Mission hatte, der sie unerbittlich folgen würde? Vielleicht sogar mit Hilfe des Schildes, das man bestimmt als Waffe einsetzen konnte? Oder war es die Hässlichkeit ihres Gesichts, die auf ihn einen aphrodisischen Einfluss hatte? Während er ihren Schritten folgte, erinnerte sich Spengler an einen Abend vor vielen Jahren.

(308) Frau Leuschner lehnte sich noch etwas weiter nach vorn…

Frau Leuschner lehnte sich noch etwas weiter nach vorn und spähte den Bürgersteig entlang. „Sie sind schon wieder unterwegs, die Webers. Emil, ich sage dir, die nehmen kein gutes Ende. Sind viel zu unruhig für ihr Alter. Kommen zurück, gehen wieder. Mal allein, mal zu zweit. Nee, da sind wir anders, nicht wahr?“ Sie blickte wieder ins Zimmer zu dem Stuhl, auf dem Emil saß. Er legte den Kopf etwas zur Seite, öffnete den Mund, als wolle er antworten und wedelte stattdessen nur mit dem Schwanz.

„Ja, du bist ein Lieber“, lobte Frau Leuschner die Promenadenmischung, die ihr alles bedeutete. „Ein Mal morgens Gassi gehen, ein Mal abends, wie ein Uhrwerk. Und dazwischen sehr ruhig.“

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Straßenleben zu. Dem Straßenfeger nickte sie freundlich zu. „Da war wieder der Mann mit dem Besen, Emil. Der hält unseren Bürgersteig schön sauber. Und er ist sehr freundlich. Er grüßt mich jedes Mal.“ Emil hörte interessiert zu. Sie trat zu ihm und streichelte ihm über den Kopf. Er leckte ihre Hand.

Ein Lieferwagen hielt vor dem Haus. Sie stürzte ans Fenster. „Da kriegt jemand ein Paket“, stellte sie fest. „Vielleicht hier im Haus. Da sind aber viele Kartons drin, Emil.“ Sie zog sich schnell zurück vom Fenster. „Jetzt muss ich doch gleich mal in der Küche schauen…“, murmelte sie und ging nach hinten. Der Paketbote trat von außen ans Fenster und schaute herein. „Hallo?“, rief er. „Da war doch gerade jemand? Hallo, Hund? Na, ganz alleine?“ Er ging zur Haustür und besah sich das Klingelbrett.

Frau Leuschner spähte um die Ecke ins Zimmer, bis sie hörte, wie der Summer ertönte und der Paketbote zur Haustür hereingelassen wurde. Dann kehrte sie zurück ins Zimmer und stellte sich wieder ans Fenster. „Hattest du Gesellschaft, Emil? Ja? Ist er wieder weg? Und wir sind wieder ganz allein. Aber mit dir ist es schön.“ Emil blickte sie mit einem aufgeweckten Gesichtsausdruck an. Sie war fasziniert davon, wie sehr Emil ihr immer wieder zeigte, dass er sie liebte.

(307) Sie setzten sich mit ihren Kaffeetassen auf das Sofa.

Sie setzten sich mit ihren Kaffeetassen auf das Sofa. „Kannst du dich noch an unseren ersten Urlaub in Kanada erinnern?“, fragte er und schaute sie prüfend an. „Natürlich kann ich das“, antwortete sie. „Als du noch Pfeife geraucht hast und eines Nachts fast unser Zelt abgefackelt hast.“ Er lachte. „Das stimmt, hatte ich völlig verdrängt. Aber das meinte ich nicht.“

Oswald erzählte von dem Tag am Peel River, als ein Trapper an ihrem Zeltplatz vorbei gekommen war. Er hatte einen kleinen zahmen Schwarzbären dabei, der hinter ihm her trottete. Oswald und Rosmarie hatten die Vermutung gehabt, dass der etwas verwahrloste Outdoorsman die Mutter auf dem Gewissen haben musste. Sie hatten aber nicht gewagt,  nachzufragen. Der kleine Bär hatte einen Narren an Rosmarie gefressen und wollte ständig von ihr gekrault werden. Einmal kletterte er ihr an der Jeans hoch, weil sie einen Apfel in der Hand hielt.

„Und diese Erinnerung“, fuhr Oswald fort, „ist mein schönstes Bild von dir aus all den Jahren. Ich sehe dich jetzt noch dastehen, mit diesem schwarzen Knäuel am Bein hängen. Jedes Mal, wenn wir uns gestritten haben oder wir nicht zusammen waren – wenn ich an diesen Moment dachte, habe ich mich unweigerlich erneut in dich verliebt. Und das hat was mit der Natur zu tun. Du warst für mich wie Jane Goodall. Eins mit der Welt.“ – Aha“, neckte sie ihn, „jetzt kommen wir der Wahrheit schön näher. Du warst also scharf auf Jane Goodall!“

Jetzt musste er lachen: „Nein, ich war immer nur scharf auf dich. Und für mich siehst du am schärfsten aus, wenn du draußen in der Natur bist. Deshalb möchte ich ja gerne mit dir aufs Land ziehen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Das ist eine fiese Masche. Erst machst du einem die schlimmsten Komplimente und dann kommst du wieder auf das gleiche Argument zurück wie vorhin. Du bist durch nichts von deinem Plan abzubringen.“ Er grinste sie über den Tassenrand an und trank einen Schluck Kaffee.

(306) Oswald Weber stellte den alten Rucksack vor sich auf die Erde…

Oswald Weber stellte den alten Rucksack vor sich auf die Erde und räumte den Inhalt in den Schrank daneben. Seine Frau Rosmarie hatte die Kaffeemaschine befüllt und angeschaltet. „Wieder ein schöner Tag“, stellte sie lächelnd fest, „ich bin müde, aber glücklich.“

Oswald schloss die Schranktür, nachdem er auch den Rucksack selbst verstaut hatte. „Ja, es war wieder sehr schön. Das ist eine meiner Lieblingsrouten. Weißt du was?“, fragte er. Rosmarie wusste, was kommen würde, schüttelte aber den Kopf. „Wir könnten das viel öfters machen. Warum ziehen wir nicht einfach hinaus, Richtung Berge? Was hält uns hier?“ Sie hatte Recht gehabt. Wieder einmal tauschten sie Für und Wider eines Umzugs aus: die Nähe zur Natur, die Kosten, aber auch ihr Freundeskreis in der Stadt, Theater- und Museumsbesuche usw.

„Ich fühle mich eher in der Stadt geborgen als auf dem Land“, meinte sie. „Ich bin sehr gerne draußen, aber nicht ständig. Und was ist, wenn wir alt und gebrechlich sind und medizinische Hilfe brauchen?“ Er sah sie zärtlich an und antwortete: „Aber Schatz, wir sind alt, aber nicht zu alt. Irgendwann wird es zu spät sein, aber noch nicht jetzt. Und dann können wir immer noch zurück in die Stadt kommen, zum Sterben, wie die Elefanten.“

„Genau, irgendwann werden Archäologen in vergessenen Pflegeheimen auf Berge von Knochen stoßen und glauben, dass sich hier Menschen zum Sterben zurückgezogen haben.“ – „Ja, und uns wird man daran erkennen, dass wir uns so sehr umarmen, dass sich unsere Rippen ineinander verhakt haben.“

„Igitt, hör auf“, wehrte sie lachend ab, „du mit deiner morbiden Fantasie.“ Sie umarmte ihn und sie küssten sich. „Aber erst einmal gibt’s Kaffee“, meinte sie. „Perkolator statt Rollator“, fügte er hinzu.

(305) Von der Essensausgabe bis zu seinem Tisch an der windgeschützten Rückwand der Berghütte…

Von der Essensausgabe bis zu seinem Tisch an der windgeschützten Rückwand der Berghütte ging Prof. Schreiber an gut zwei Dutzend Wanderern vorbei. Manche machten sich über ihre Brotzeit her, andere saßen oder lagen träge in der Sonne. Er registrierte drei teilweise sehr ausgeprägte Skoliosen, einen Morbus Scheuermann bei einem zehnjährigen Jungen sowie eine fies aussehende Schleimbeutelentzündung an einer Ferse. Der Schmerzen an der Ferse mussten gerade in den Wanderschuhen unerträglich sein. Schreiber setzte sich mit dem Rücken gegen die warme Holzwand und trank einen Schluck von seiner Johannisbeerschorle.

Der Arzt hatte seine Empfangsdame angewiesen, alle 14 Tage einen Tag in seinem Terminkalender freizuhalten, ihn aber erst am Tag vorher darüber zu informieren. Diese unverhofften freien Tage empfand er als großes Geschenk. Meistens ging er dann in die Berge wandern, so auch heute. Während er seinen Linseneintopf löffelte, setzte sich ein altes Paar an den Nebentisch. Beide waren zwar um die siebzig, aber körperlich ungemein fit. Schreiber fielen keine Makel auf. Ihre Wanderausrüstung schien alt, teilweise abgenutzt, aber dennoch gepflegt. Der Mann holte Essen und Getränke, die Frau wartete auf ihn und schaute in die Ferne. Während sie aßen, unterhielten sie sich leise über den Aufstieg und was sich seit ihrer letzten Tour hierher verändert hatte. Alles an ihnen war ruhig, vertraut und erschien Schreiber so natürlich.

Je länger er das Paar beobachtete, desto unruhiger wurde er allerdings selbst. Die Sonne hatte sich hinter dem Hausgiebel nach vorn gearbeitet und blendete ihn. Ihm wurde heiß und er brach in Schweiß aus. Plötzlich fühlte er sich getrieben, wollte schnell wieder aufbrechen. Irgendetwas hatte seinen freien Tag ruiniert. Er wünschte, er wäre schon wieder zuhause und könnte sich verkriechen vor der Welt.

Als er aufstand und seinen Abmarsch vorbereitete, bemerkten ihn seine Nachbarn nicht einmal. Auch nicht, als er schließlich seinen Rucksack auf den Rücken schwang. Mit hastigen Schritten näherte er sich dem schwarzen Loch in der Waldwand, durch das er vorhin hochgekommen war.

(304) Kennen Sie Ingo Grabowski, den Gewichtheber?

„Kennen Sie Ingo Grabowski, den Gewichtheber?“ Prof. Schreiber schaute über den Rand seiner Halbbrille. Kurt nickte. „Er hatte einen Trainingsunfall, ein Jahr vor seinem Olympiasieg. Sehr tragisch, Außendrehung, Verlagerung des Körpergewichts… Ruptur des vorderen Kreuzbands.“ – „Und dann“, Kurt sah Prof. Schreiber fragend an. „Bei ihm habe ich auch die Healing-Response-Technik angewandt. Erst über Gelenkspiegelung das Knochenmark geöffnet, damit Stammzellen heraustreten. Dann das Kreuzband an die richtige Stelle angebracht und das Kniegelenk gestreckt. Drei Tage stationär, dann mit Schiene nach Hause geschickt. Nach vier Wochen spezielles, intensives Training. Drei Monate später war Grabowski wieder der Alte.“

Kurt nickte anerkennend. „Toll, und im Jahr darauf die Goldmedaille bei den Spielen.“ – „Sie haben Glück, dass Sie sofort zu mir gekommen sind. Bei Ihnen wie bei Grabowski, gab es einen glatten Abriss vom Oberschenkel. Das ist ideal. Aber, wir dürfen keine Zeit verlieren. Sie müssen heute einchecken, morgen Vormittag führen wir den Eingriff durch. Übermorgen kann es zu spät sein.“ Prof. Schreiber machte sich Notizen auf der Patientenakte. „Alles klar?“, fragte er und blickte Kurt kurz an, bevor er weiterkritzelte.

„Kann es Komplikationen geben?“, erkundigte sich Kurt. „Klar, eine Garantie gibt es nicht. Aber wenn ich Sie wäre, würde ich es so machen lassen.“ Kurt dachte kurz nach und beschloss dann: „OK, ich bin einverstanden.“ – „Gute Entscheidung. Hier ein paar Papiere, die Sie unterschreiben müssen. Betrifft alles, was ich Ihnen gesagt habe, Risiken und so. Hier, ja. Danke. Krankenkasse erstattet Ihnen leider nur einen kleinen Betrag, die haben es noch nicht begriffen, dass vollständige Heilung besser ist als eine ständig wiederkehrende Behinderung. Danke, so, das war es mit dem Papierkrieg.“ Er gab Kurt eine Kopie der Einverständniserklärungen, die er eben unterschrieben hatte. „Jetzt lassen Sie sich von Zuhause Waschzeug und Wäsche zum Wechseln bringen für drei Tage Krankenhaus. Die Empfangsdame bestellt einen Krankenwagen, der fährt sie gleich dahin. Ich habe da ein stehendes Kontingent von Betten. Alles klar. Dann sehen wir uns morgen früh. Wiedersehen.“

(303) Die Gondel wurde abgebremst…

Die Gondel wurde abgebremst, schaukelte noch etwas und dann öffnete sich die Tür. Kurt sprang als erster heraus, gefolgt von Gunnar und Leonhard. Sie schnallten die Ski ab und verließen die Bergstation der Hörnli-Bahn. „Jetzt wären wir doch fast in den Schwelli-See gefallen“, kicherte Gunnar und knuffte Leonhard in die Seite. „Ja, der Schwelli-See kann sehr gefährlich werden hier in Arosa“, scherzte Leonhard mit. Kurt blieb stehen und drehte sich um: „Bitte jetzt nicht noch den Arosa-schlitzverstärkt-Witz, den haben wir heute schon zehn Mal gehabt.“ Gunnar und Leonhard schüttelten den Kopf. Als Kurt weiterging, flüsterte Gunnar: „Arosa schlitzverstärkt“, und beide prusteten los.

Am Anfang der Piste schnallte sich Kurt die Ski an und erklärte: „Wir fahren jetzt die Traverse rüber, Richtung Plattenhorn, aber nicht ganz, davor nehmen wir die Hörnli Skiclub Piste, die hat es in sich. Bis zum Sessellift. Alles klar?“ Gunnar und Leonhard salutierten ganz ernst. Kurt schüttelte den Kopf und schwang sich in die Abfahrt. Mit einem Affenzahn raste er die schwarze Piste hinunter. Er hatte einen großen Vorsprung, bevor Gunnar und Leonhardt gemächlich an den Start gingen.

Sie hatten Kurt im Auge, wie er eine enge Kurve nahm. Dann schien er das Gleichgewicht zu verlieren und stürzte. Sie setzten ihm nach. Als sie endlich die Kurve erreichten, standen zwei andere Skifahrer bei Kurt, der sich das Knie hielt.

„Was ist?“, fragte Leonhard atemlos. „Ich tippe auf Riss des vorderen Kreuzbands, vielleicht beide“, antwortete der erste Skifahrer. „Nicht lustig“, meinte der andere. „Ich würde mir einen guten Orthopäden suchen, damit das wieder richtig heil wird.“

Kurt stöhnte. „Ich werde mir den besten nehmen, verlasst euch drauf.“ Gunnar setzte sich neben Kurt und stützte ihn, damit er sitzen konnte. „Wenn du dann eine Bandage bekommst, solltest du auf jeden Fall darauf achten, dass sie Arosa schlitzverstärkt ist“, meinte er schelmisch und klopfte Kurt freundschaftlich auf die Schulter.

(302) Babyboom bei den Promis.

„Babyboom bei den Promis. Schwanger. Mutter. Turbomutter. Ich kann es nicht mehr hören.“ Julius legte das Magazin zurück auf den Haufen mit den anderen verblätterten Lesezirkelzeitschrifen. Heini sah ihn im Spiegel an. „Ein wunder Punkt?“, fragte er.

„Ich will endlich Enkel haben. Die biologische Uhr tickt. Irgendwann ist Judith zu alt, und ich könnte auch schon morgen umfallen.“ Heini nickte und drehte den Kopf so zur Seite, wie es ihm von Leonhards Händen vorgegeben wurde. „Was fehlt Ihnen denn“, meinte Leonhard, „Sie können doch alles tun, was Sie möchten.“ – „Ich will einen Kinderwagen schieben, in den Park gehen oder in den Zoo. Geschenke machen… Ich will der liebste Großvater sein.“ – „Ach, du machst mir Spaß“, gluckste Heini. „Das geht so schnell vorbei, das merkst du gar nicht. Ganz schnell bist du abgeschrieben und musst dir die kleinste Aufmerksamkeit mit Geld erkaufen. Und auch dann…“ – „Sie haben schlechte Erfahrungen gemacht?“, fragte Leonhard und schnitt jetzt die Nackenhaare kurz und gerade.

Julius war aufgestanden und zur Tür gegangen. Er schaute hinaus auf die Straße und Heini fuhr fort: „Letzten Samstag kamen sie mal wieder zu Besuch, die beiden Racker. War nicht meine Idee, und vor allem nicht ihre. Das hatten Großmutter und Mutter miteinander ausgemacht. Waren keine zwei Sekunden da, wollten gleich fernsehen. Irgendeinen Schrott. Miriam hatte extra eine DVD mit einem Trickfilm gekauft, aber der war ja gleich nicht gut genug. Haben dann in Nullkommanichts meine Bonbonvorräte niedergemacht und lagen dann rum wie faule Schweine.“ Er echauffierte sich und Leonhard musste ihn ständig in die richtige Position zurückbringen. „Leonhard hat es gut“, bemerkte Julius, „der hat diese Probleme nicht.“ Leonhard hielt inne und fragte erstaunt: „Wieso, wie meinen Sie das?“ Julius ruderte mit den Armen: „Naja, als Schwuler haben Sie diese Probleme halt nicht.“ Leonhard war fassungslos: „Aber ich bin nicht schwul!“ – „Aber“, warf Heini ein, „Sie sind doch Frisör!?“ Leonhard dachte einen Moment nach. „Na gut, ich wusste nicht, dass es so offensichtlich ist. Aber ich könnte Kinder adoptieren.“ – „Tun Sie es nicht“, flehte ihn Heini an, „genießen Sie das Leben.“