(279) Roland Gils war in ihrem Heimatdorf überall vorn dabei.

von Alain Fux

Roland Gils war in ihrem Heimatdorf überall vorn dabei. Bei der Feuerwehr, im Schützenverein, beim Hausbau eines Kumpels – er machte mit. Immer ein bisschen zu laut, das Hemd verschwitzt und die Hose zu eng an den Hüften. Er fuhr einen Bauernporsche, der ein paar Mal nach langen Discoabenden von einem Trecker aus dem Straßengraben gezogen werden musste.

Als Angelika Thoma an einem Wochenende für die Heimfahrt keine andere Mitfahrgelegenheit fand, war es für sie ganz normal, bei Roland einzusteigen. Sie waren durch die Nacht gefahren, durch den Wald wie in einem Schlauch aus Licht. Sie war etwas müde und dösig, als Roland plötzlich schnurstracks in einen Waldweg einbog. Erst dachte sie an eine Abkürzung, dann wurde ihr schlagartig bewusst, dass am Ende der Straße nur ein Weiher war, sonst nichts. Er antwortete nur: „Du wirst schon sehen.“

Am Weiher hielt er an einer mondlichtbeschienenen Stelle an. Sie wollte die Tür öffnen, aber sie war verschlossen. „Hey, entspann dich“, sagte er und rückte näher zu ihr. Er lehnte sich mit seinem Oberkörper gegen sie und sein nach Zigaretten und Bier stinkender Atem lag wie eine Wolke über ihrem Gesicht. Er versuchte sie zu küssen und nestelte an der Rückenlehnenverstellung. Er musste den Sitz manipuliert haben, denn ganz unvermittelt kippte er komplett um gegen die Rückbank. Sofort lag er halb auf ihr. Sie tastete blind und in Panik mit einer Hand unter dem Sitz. Als sie die Messerscheide berührte, fiel es ihr ein, dass Roland öfters damit prahlte, ein großes Messer griffbereit unter dem Beifahrersitz zu haben.

Sie zog es heraus, dadurch streifte sie die Scheide ab. So wie sich das Messer am Sitzbezug verhakte und wieder löste, musste es sehr spitz sein. Sie setzte es an Rolands Rippen und wollte ihn pieken, damit er von ihr abließ. Als er ihr in dem Moment an die Brust griff, stieß sie automatisch zu. Roland bäumte sich jäh auf und fiel wieder auf sie zurück.

Sie rollte ihn von sich und sah, wie das Blut aus ihm herausströmte.

An dem Weiher hatte sie ihre Hände gewaschen. Das Messer, ein langer spitzer Dolch, hatte sie hineingeworfen. Roland lag im Wagen, mit dem Kopf zur Rückbank zwischen den Vordersitzen, die Arme ausgebreitet wie zum Segnen. Sie war eine Mörderin.

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