(278) Nachdem die Kartoffeln geerntet waren…

von Alain Fux

Nachdem die Kartoffeln geerntet waren, grub Nikolaus das Beet um. Astra stand am Küchenfenster und spielte gedankenverloren mit der Küchenschere, mit der sie den Kohl zerteilte. Sie beobachtete ihn, wie er in rhythmischen Bewegungen den Spaten in die Erde stieß, mit dem Stiefel tiefer drückte, mit dem Stiel die Scholle abhebelte, hochhob und umgedreht wieder fallen ließ. Immer wieder, eine Reihe nach der anderen, ohne Unterlass.

Nikolaus war so zuverlässig. Womit hatte sie ihn verdient? Sie wusste es: Sie hatte ihn gar nicht verdient, es war nur eine Täuschung. Sie war nur eine miserable Schauspielerin, die vorgab, die gute Ehefrau von Nikolaus Dorf zu sein. Die seinen Haushalt führte, Einkäufe besorgte, kochte und manchmal, wenn es nicht anders ging, Sex mit ihm hatte.

Dass sie nur eine Mörderin war, schleppte sie schon so lange mit sich herum, dass sie diese Last nicht mehr wahrnahm. Sie war aber auch eine Betrügerin an einem Mann, der selbstlos nur ihr Bestes wollte. Der nie Fragen gestellt hatte.

Nicht mal ihr Name war richtig. Astra war das Modell des Autos, das vorbeigefahren war, als sie ihn sich ausdenken musste. Wenn er die Wahrheit wüsste, würde er ihr verzeihen können? Oder würde er sich von ihr abwenden? Er, der tadelloseste Mann, den sie je kennen gelernt hatte. Er hätte wirklich etwas Besseres verdient. Vielleicht würde er eine Frau finden, die zu ihm passte, wenn sie einmal nicht mehr sein würde.

Hatte er nie geahnt, wen er in dieser Sturmnacht aufgenommen hatte, als sie Howie weggelaufen war? Nie hatte er gefragt, warum sie vor Motorrädern Angst hatte, warum sie Messer nicht mochte, warum sie nicht gern in einem stillstehenden Auto saß… Er hatte es einfach nur akzeptiert. Und anstatt, dass es ihr Sicherheit gegeben hätte, war es für sie nur eine Bestätigung, dass es bald viel schlimmer kommen würde.

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