(275) Dr. Nipkow telefonierte mit einer Angestellten des Auktionshauses.

von Alain Fux

Dr. Nipkow telefonierte mit einer Angestellten des Auktionshauses. „Es geht um Los 233. Das Original-Ei von Arne Jacobsen. Havannaleder. Haben Sie’s? Gut. Mein Höchstgebot sind 15.000 Euro. Eins fünf Tausend. Perfekt. Wann kann ich anrufen, um zu hören, ob es geklappt hat?“ Er bedankte sich und legte auf.

Dr. Nipkow hatte feuchte Hände bekommen. Er war schon so lange hinter diesem Sessel her. Ob er sein Gebot höher hätte ansetzen sollen? Er zögerte.

„Dr. Nipkow“, Frau Trapp, seine junge Zahnarzthelferin war in sein Büro getreten. „Der Wurzelkanal sitzt schon im Stuhl.“ – „Ich komme“, antwortete er. „Ist irgendetwas passiert?“, fügte er hinzu, „Ihre Augen sind ganz rot. Haben Sie geweint?“ Ihre Augen wurden wieder feucht. „Fragen Sie nicht“, sagte sie mit tonloser Stimme, „aber es geht schon wieder.“

Sie gingen ins Behandlungszimmer.

Dr. Nipkow grüßte Herrn Busch, der für eine Wurzelkanalbehandlung in 37, zweiter Backenzahn unten links, gekommen war. Nipkow warf einen Blick auf die Röntgenaufnahmen, injizierte das Anästhetikum und legte den Kofferdam an dem zu behandelnden Zahn an. Fast Jacobsen-Grün, dachte er.

Dann bohrte er den Zahn auf. Methodisch arbeitete er die einzelnen Arbeitsschritte ab, machte eine weitere Röntgenaufnahme, um die Wurzellänge besser abschätzen zu können. Während er die Kanäle aufbereitete, waren seine Gedanken bei dem Ei. Er verspürte eine heitere Anspannung beim Gedanken, dass gerade jemand in seinem Namen den Sessel kaufte.

Nach den Ausspülungen der Kanäle füllte er den Zahn mit Guttapercha und Sealer auf. Er blickte kurz auf die Uhr über der Tür. Vielleicht war es schon so weit. Er entfernte das Spanngummi und verabschiedete sich von Herrn Busch, der noch etwas benommen schien.

Nipkow eilte aus dem Behandlungszimmer in sein Büro, nahm den Hörer ab und drückte auf Wahlwiederholung. Er musste etwas warten, dann war seine Betreuerin am Telefon.

Leider hatte sein Maximalgebot nicht ausgereicht. Es war sehr knapp gewesen. Ganz zum Schluss war ein Saalbieter eingesprungen, der den Sessel für 16.000 Euro ersteigerte. Es hatte keine Gelegenheit gegeben, mit Nipkow Rücksprache zu halten. Wortlos legte er auf. Sein Gesicht fühlte sich wie versteinert an. Er fühlte sich beraubt.

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