(274) „Kommst du noch mit rauf auf einen Kaffee?“

von Alain Fux

„Kommst du noch mit rauf auf einen Kaffee?“ Also Kaffee. Er stieg hinter ihr die Treppe hoch und fühlte Kribbeln in seinem Bauch. Das Kribbeln steigerte sich bis in den dritten Stock, wo sie die Tür aufschloss.

Der Flur, das Wohnzimmer – bestimmt die ganze Wohnung war zugehängt mit Postern von T-Spoon. In dutzendfacher Ausführung und in allen Größen schauten ihn Enzo, Gaston, Nate und Pat an. Es war als ob sie ihn bewerteten und gleichzeitig daran erinnerten, was er mit den anderen drei der Blogger 4z vorhatte. Hunderte Augenpaare starrten ihn anklagend an und er fühlte sich schuldig.

„Setz dich“, sagte Vanessa, „ich mach mal gerade Kaffee.“ Sie blickte ihn an, drückte ihn an den Schultern ins Sofa, legte dabei den Kopf etwas schief und fügte hinzu: „In diesem Licht erinnerst du mich total an Enzo.“ Sie küsste ihren Zeigefinder und drückte ihm die Fingerspitze auf die Lippen. Dann ging sie in die Küche.

Adrian betrachtete Enzo genauer, verglich mehrere Aufnahmen von ihm mit dem Bild, das er von sich selbst hatte. Er fand nicht, dass er Enzo auch nur im Entferntesten ähnelte. Auch nicht Pat, Nate oder gar Gaston. Es war nur ein Scherz gewesen, diese Beschäftigung mit T-Spoon. Wahrscheinlich würde sie ihn nachher küssen und dabei mit einem Seitenblick Enzo fixieren, während er krampfhaft die Augen schließen würde. Ein armer Gaukler, der sich eine Stunde lang auf der Bühne quälen würde.

Nein, sogar wenn es dazu kommen sollte, würde er in dieser Wohnung unter keinen Umständen, auch nicht bei vollständiger Dunkelheit, Sex mit Vanessa haben können. Wahrscheinlich würde sie ihn im Dunkeln Enzo nennen. Ein Schauder lief ihm den Rücken hinunter.

Vanessa kam aus der Küche und brachte Tassen, Zucker, Milch und Löffel. „Ist gleich fertig“, sagte sie und zwinkerte ihm zu. Oder hatte sie an ihm vorbei auf das Poster geschaut? Er stand auf. „Vanessa, es tut mir leid. Ich habe gerade eine SMS bekommen. T-Spoon werden sich trennen. Ich muss sofort los. Wir sehen uns.“

Bevor sie reagieren konnte, war er bereits draußen, lief die Treppe hinunter und aus dem Haus.

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