(267) „Hallo Roman“, begrüßte Chiara ihren Chef.

von Alain Fux

„Hallo Roman“, begrüßte Chiara ihren Chef. Die Kunststudentin hielt in seiner Abwesenheit die Stellung in der Galerie Friedrich. „Tolle Hochzeit, ich habe bis vier Uhr getanzt. Noch einmal meine Glückwünsche.“

Roman bedankte sich. „Ist es klar bei dir für übernächste Woche? Dann sind wir aus dem Gröbsten raus und Dana und ich können in die Flitterwochen fahren.“ – „Kein Problem. Ein Bild wurde heute für dich abgegeben. Es kommt von Einar Lamprecht“.

Einar war ein alter Freund, manchmal auch Kunde der Galerie und empfahl Roman ab und zu neue Künstler.

Der Galerist nahm das Bild mit in sein Büro und packte es aus. Eine Ölarbeit auf Leinwand. Er stellte den Keilrahmen auf die Staffelei seinem Schreibtisch gegenüber und setzte sich an seinen Platz. Figürlich. Großzügige Pinselführung. Verschwommene Darstellung, aber viel Energie. Frisch. Mann und Frau mit Papierhüten auf dem Kopf an einem Tisch. Ambiente wie Ball auf einem Kreuzfahrtschiff. Wehmütig. Sehr präsent.

Roman stellte sich in die hinterste Ecke des Raums und betrachtete das Gemälde noch einmal von weitem. Abwechslung von kräftigen Farbfeldern und schattenhaften Strichsilhouetten. Sah nicht schlecht aus.

Sein Telefon klingelte. Es war Einar, der ihm zunächst auch noch einmal zur Hochzeit gratulierte. „Hast du mein Paket bekommen?“, fragte er, „wie gefällt es dir?“ – „Sieht ansprechend aus, wer ist der Maler?“

Einar erklärte ihm, dass das Bild von August Fliegel war, einem bisher völlig unbekannten Künstler, der noch nie ausgestellt hatte. „Wo hat er studiert? Wie alt? Wie lebt er?“ Fliegel war 53 und Jurist bei einer Bank. „Oh Gott, ein alter Autodidakt“, entfuhr es Roman, „und dann auch noch in bürgerlichen Verhältnissen lebend. Vergiss es, das kauft keiner.“ – „Aber es hat dir gefallen, oder?“ – „Hör mal, Einar, ich bin Galerist. Ob ich etwas gut finde oder nicht, spielt keine Rolle. Hier gibt es keine Story. Klingt eher wie jemand, der bei mir kaufen sollte. Meine Kunden würden nie von ihresgleichen Kunst kaufen. Von einem Bankjuristen, ich bitte dich. Künstler müssen jung, abgefuckt und desperate sein. Zumindest am Anfang. Am besten noch drogensüchtig, aidskrank oder mit zertrümmerter Wirbelsäule.“

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